Meine Meinung, deine Meinung

Was es heißt, unabhängig zu sein

Von Marion Gräfin Dönhoff

Bei den Filmfestspielen in Berlin gelangte auch ein peruanischer Filmstreifen zur Aufführung, der – wie viele meinten – in übermäßig realistischer Weise Stierkampfszenen zeigt. Die Berliner, für die dieser zeremonielle und traditionsreiche Sport ebenso fremd und erschreckend ist wie für die Lateinamerikaner eine scharf gefochtene Mensur deutscher Studenten, pfiffen den Film aus, und ihre Zeitungen entrüsteten sich anderntags über die „Rohheit“, „Grausamkeit“ und den „schlechten Geschmack“ der Peruaner.

Die Journalisten Perus, nicht faul, wetzten ihre Bleistifte, und El Comercio, eine führende Tageszeitung Limas, stellte unter der Schlagzeile „Und Dachau?“ Betrachtungen darüber an, wer zivilisiert ist und wer nicht. Da heißt es: „Hier, wo wir weder ein Dachau, noch Gaskammern haben, noch Progrome, noch ein Lidice, wo man nicht an höhere Rassen glaubt...“ und so weiter.

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Kritik an einem Film und als Antwort darauf die Beschwörung Dachaus! Das ist ein gar grobes Geschütz. Aber hier sollen nicht Untersuchungen über die Erregbarkeit des südamerikanischen Temperaments angestellt werden, denn sehr viel interessanter als die peruanische Reaktion ist der Anfang der Geschichte, nämlich das Unverständnis des Berliner Publikums für den Nationalsport eines fremden Volkes und seine Mißfallenskundgebungen – getreu der alten Regel: „Wat de Buer nich kennt...“

Bei uns ist allenthalben einemerkwürdigeGereiztheit gegenüber Andersdenkenden ausgebrochen. Besonders jetzt, während des Wahlkampfes, kann man das studieren. Eine Meinung, die sich mit der eigenen nicht deckt, wird als falsch, unberechtigt, ja als Verrat an der guten Sache, die man selbst vertritt, geächtet. Und wehe dem, der weder den Standpunkt von A teilt, noch dessen Gegner B zustimmt, sondern der es sich leistet, unter Umständen an beiden Ansichten etwas Richtiges zu finden, oder auch die Nachteile und vielleicht die Anfechtbarkeit beider Meinungen zu sehen – von ihm heißt es ganz gewiß, er habe keine Linie!

Nicht besser ergeht es dem, der wagt, heute den A zu kritisieren und morgen den B. Das ist sogar besonders schlimm, denn wenn überhaupt Stellung bezogen wird, dann soll man gefälligst entweder die As immer kritisieren (weil man ein Anhänger der Bs ist) oder (als Parteigänger der As) durch dick und dünn zu ihnen halten – aber nicht dieses „unentschlossene Hin und Her“!

Wir haben in dieser Zeitung von Anfang an – das war gewissermaßen das Gesetz, wonach wir 1946 antraten – uns die Freiheit genommen zu schreiben, was wir dachten. Nicht ins Blaue hinein dachten, sondern mit einer ganz bestimmten Vorstellung von Deutschland vor Augen und einem ganz bestimmten Bild vom Menschen im Herzen.

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