Der steigende Arbeitskräftebedarf der Industrie hat in den letzten Monaten – im Zeichen einer anhaltend sinkenden Arbeitslosigkeit – den Ruf nach Ingenieuren immer lauter werden lassen. Arbeitslose Ingenieure sind schon lange nicht mehr vorhanden, und dem (in Zahlen bescheidenen) Nachwuchs von den Technischen Hochschulen bietet sich in nahezu allen Branchen ein breit gestreutes „Sortiment“ freier Stellungen. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß viele Spezialfirmen, die unter einem wirklich akuten Ingenieurmangel leiden, sich des nicht gerade einer allgemeinen Beliebtheit erfreuenden Systems der Abwerbung bedienen, um zumindest die unbedingt erforderlichen Positionen zu besetzen. Daß der in einigen Industriezweigen bereits seit Jahren bestehende Mangel an Ingenieuren andererseits aber schon fast zu einem Schlagwort geworden ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn: so berechtigt der Ruf nach Ingenieuren ist, noch größer ist der Bedarf der westdeutschen Industrie an ausgebildeten Technikern. Hierüber wird in einer unserer nächsten Ausgaben noch ausführlich zu berichten sein.

Offensichtlich hat die Industrie in Wilhelmshaven diesen durchaus beachtenswerten Unterschied recht frühzeitig erkannt. Auch ihr fehlen Ingenieure, doch in einem weit stärkeren Umfange mangelt es ihr an Technikern. Und weil sie nicht warten will, bis die langsam arbeitende staatliche Bürokratie eines Tages endlich die Initialzündung zur Beseitigung des Ingenieur- und Technikermangels bekommt, hat sie zur Privatinitiative gegriffen. Wir meinen, daß dieses Beispiel überall in der Bundesrepublik und auch in Westberlin recht schnell Schule machen sollte, weil diese „Selbsthilfe“ ein probates Mittel ist, den Mangel an Technikern zumindest zu mildern.

In Wilhelmshaven wurden gemeinsam von der Krupp-Ardelt GmbH, der Franz Kuhlmann-KG und der Olympia Werke AG einfach ein Verein gegründet. Er heißt „Technische Abendschule Wilhelmshaven eV“ und beweist schon allein durch seine Bezeichnung, daß selbst in unserer vereinsfreudigen Bundesrepublik Vereinsneugründungen noch recht sinnvoll sein können. Die drei Firmen – also die „Vereinsmitglieder“ – haben das notwendige Anfangskapital aufgebracht, die erforderliche Verwaltung eingerichtet, einen Konstruktionssaal geschaffen und sich von der Stadtverwaltung Wilhelmshaven für den abendlichen Unterricht die Räume einer Gewerbeschule zur Verfügung stellen lassen. Bereits im Mai hat Wilhelmshavens „Technische Abendschule“ mit dem Unterricht begonnen; heute sitzen in drei Klassen 90 Hörer, um in siebensemestrigen Lehrgängen sich vom Facharbeiter zum Techniker zu entwickeln.

Die Dozenten mit den entsprechenden wissenschaftlichen und fachlichen Kenntnissen erhielt die Abendschule aus dem weiten Kreis der Wilhelmshavener Industrie und Wirtschaft. Und mit der Leitung der Schule wurde Obering. Skibidi beauftragt, der bisher an der Gauss-Schule Berlin als Dozent tätig war. Die Schule hat es sich zu besonderen Aufgabe gemacht, neben den üblichen Grundfächern vor allem die Fachgebiete Feinwerktechnik, Kinematik und Stahl-Leichtbau zu pflegen. Da die Feinwerktechnik und auch der Stahl-Leichtbau in früheren Zeiten im nordwestdeutschen Raum wenig zur Geltung kamen, dürfte die „Technische Abendschule“ für die künftige Entwicklung des Weser-Ems-Gebietes und der dort vorhandenen Maschinenbau-Industrie von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein. In Wilhelmshaven sind die Initiatoren der Abendschule auf Grund der sich abzeichnenden Erfolge recht optimistisch: Sie betrachten diese Einrichtung als die Vorstufe einer späteren staatlichen Techniker-Schule. Willy Wenzke