Virginia Woolf ist die einzige Frau in der Gruppe jener Epiker, die konsequent mit der konventionellen Form des Romans brechen und auf ihre Weise den Versuch der Romantiker wiederholen wollten. Die Geschlossenheit des Romans, seine klare Gruppierung um ein Thema sollte porös werden für jene bestürzende Fülle der Einflüsse und Eingebungen, denen sich der moderne Mensch ausgeliefert sieht.

Der Autor hatte die Mühen der exaktesten Registrierung zu leisten und mußte einen eigenen Wertmaßstab schaffen, um das Chaos zu ordnen. Wie weiblich die Engländerin Virginia Woolf in dieser Gruppe der extrem subjektivistischen Epiker wirkt, zeigt ihr Roman:

Virginia Woolf: „Die Fahrt zum Leuchtturm.“ S. Fischer Verlag, Berlin und Frankfurt. 255 S., 15,80 DM,

der als dritter ihrer großen Romane in Deutschland erschienen ist. Es ist ein Eheroman, zu dem die Schreiberin aus ihrem eigenen Leben das Vorbild nahm. 1925 vermerkte sie in ihrem Tagebuch: „... er wird ziemlich kurz werden; soll Vaters Figur völlig enthalten; und die Mutters; und die Kindheit; und all die üblichen Dinge, die ich hinein zu tun versuche, Leben, Tod, etc. Aber der Mittelpunkt ist die Figur Vaters ...“

In dieser anspruchslosen privaten Notiz kündigte sich die ganze Spannung des Romans schon an, der viel mehr geworden ist als eine Biographie der Eltern. In ihrer charakteristischen – von Gedanken und Rückerinnerungen in Parenthesen und endlosen Satzperioden zerfetztem und preisgegebenen – Form der Aussage ersteht in archaischer Monumentalität und Erhabenheit das Bild eines Ehepaars, von dem es heißt: „Und plötzlich kam diese Bedeutsamkeit, die sich aus gar keinem Grund auf die Menschen herabsenkt und sie zu Symbolen, zu Vertretern ihrer Art werden läßt, über die beiden und machte sie... zu Symbolen der Ehe, Mann und Weib.“

Der Roman spielt in der gleichen Umgebung, in der Virginia Woolfs Jugenderinnerung das Bild der Eltern aufbewahrt hat: im Ferienhaus an der Küste, während der langen. Sommermonate, in denen Gäste die aus Eltern und acht Kindern bestehende Familie noch vergrößerten.

Die Fahrt zum Leuchtturm bildet die formale Klammer der Handlung des dreigeteilten Romans. Im ersten und längsten Teil, „Der Ausblick“, wird dem Knaben James für den nächsten Tag bei gutem Wetter die Fahrt zum Leuchtturm versprochen. Während die Mutter grundlos die Hoffnung nährt, prophezeit der realistische Vater schlechtes Wetter. Es regnet wirklich, und die Fahrt wird erst im dritten Teil, „Der Leuchtturm“, nachgeholt, dieweil im zweiten Teil „die Zeit vergebt“: der erste Weltkrieg bricht aus, Mrs. Ramsay und zwei ihrer Kinder sterben, das Sommerhaus zerfällt und wird ein Opfer der Spinnen, Ratten und Stürme.