Die sterblichen Reste Karl Georg Pfleiderers, der zuletzt die Deutsche Bundesrepublik als Botschafter in Jugoslawien vertrat und der während eines dienstlichen Aufenthaltes in Bonn starb, sind nun bestattet worden.

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Karl Georg Pfleiderer hat lange gehofft, er werde das Parlament zu einer wirkungsvollen Tribüne seiner politischen Anregungen machen können. In der breiten Menge war ihm die Resonanz versagt – das wußte er. Dazu fehlten ihm der Schuß Demagogie, das blendende faszinierende Wort, dem sich die Masse gern ergibt. Die Kunst des Vereinfachens war ihm nicht gegeben; eher noch: er hatte die Scheu des Grüblers vor jeglicher Simplifizierung. Wußte er doch nur zu gut, wie leicht ein mühsam erarbeiteter Gedanke durch eine vergröbernde Vereinfachung mißverstanden werden kann! Es war ihm nicht einmal gegeben, Gruppen und damit politische Kraftzentren zu bilden. Er hatte einen optimistischen Glauben an die Macht der Idee. Aber er war nicht der Tatmensch, der ihr hätte Gestalt geben können. So resignierte er schließlich als Parlamentarier. Sonst ein nüchterner Realist, war er hier wohl mit zuviel Idealismus an eine Aufgabe herangegangen, die sich in den robusten parlamentarischen Interessengegensätzen anders ausnimmt, als in dem Gewissensappell des Grundgesetzes.

Er selbst freilich empfand diese Bindung an das Gewissen als eine ernste Pflicht. Und deshalb scheute er sich nicht, auch harte Kritik herauszufordern, wenn es ihm um eines höheren Zweckes willen unvermeidlich erschien. Ob mit Recht oder nicht – er stimmte um seines Gewissens willen als einziger Abgeordneter der FDP im März 1953 gegen den Deutschlandvertrag und gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, die später am Widerstand Frankreichs zerbrach. Auch wer diese Entscheidung Pfleiderers für falsch hält, sollte seine politische Courage und seine geistige Konsequenz respektieren; sie drängte ihn in eine Vereinsamung, die er nicht leicht, aber tapfer ertrug.

Weit über seinen Wirkungsbereich hinaus wurde Pfleiderer durch jenen später nach ihm benannten Plan bekannt, den er zum ersten Male in seiner Waiblinger Rede am 6. Juni 1952 dargelegt hatte. Nach diesem Plan sollten die in Deutschland stationierten ausländischen Streitkräfte auf beiden Seiten von der Elbe und Werra zurückgezogen werden, und nur noch ein schmaler westlicher und östlicher Randstreifen Deutschlands sollte besetzt bleiben. „Zwischen diesen beiden besetzten Teilen Deutschlands“, so führte er aus, „würde ein dritter, der größte Teil liegen, der mit nationalen Streitkräften von festgelegter Stärke zu versehen wäre.“ Das war die erste konkrete Anregung einer militärisch entspannten Zone. Drei Jahre später nahm Eden den gleichen Gedanken in seinem auf der Genfer Konferenz von 1955 vertretenen Plan auf. Und gleichgültig; wie man zu Pfleiderers Plan stand, positiv oder negativ – man konnte jene politische Kraft in ihm nur respektieren, die sich stets nach vorn richtete und nie im bequemen Status quo verharren vollte.

Pfleiderer setzte sich auch schon vor Jahren für eine aktive deutsche Ostpolitik ein. Bereits im April 1954 mahnte er den Bundestag und die Bundesregierung, den „weißen Fleck“ auf der Bonner Weltkarte zu beseitigen und die abgerissenen Fäden zu den osteuropäischen Völkern wieder zu knüpfen. Als man ihm ein Jahr später den Botschafterposten in Belgrad anbot, kehrte er im Sommer 1955 gern in die diplomatische Laufbahn zurück, die er vor vielen Jahren verlassen hatte.

Ich hatte ihn damals kurz vor seiner Abreise nach Belgrad gesehen. Nun, zwei Jahre später, begegnete ich ihm wieder, wenige Tage vor seinem Tode. Es war mit ihm eine sichtbare Veränderung vor sich gegangen. Er war durchaus optimistisch, wenn auch in der ihm natürlichen stillen Art. Ein vorsichtiger Optimismus prägte auch sein Urteil über die Möglichkeiten, die ihm in Belgrad gegeben waren. Aber der einst so mitteilsame Mann legte sich nun in seinen Äußerungen eine strenge Zurückhaltung auf, zu der er sich durch seine Fairness und seine Loyalität gegenüber seinem Dienstherrn, dem Außenminister v. Brentano, verpflichtet fühlte.