Von Marion Gräfin Dönhoff

Wen schmerzte es nicht, die Landkarte desheutigen Deutschlands zu sehen. Wieviel menschliches Schicksal und geschichtliche Tragik kommt in dieser Zwei-, nein Drei-Teilung zum Ausdruck. Und doch gibt es eine Karte unseres Landes, die zu betrachten noch viel schmerzlicher ist. Sie reicht von Aachen über die alte Ostgrenze weit nach Polen hinein, bis Bialystok und Lublin, und ist bedeckt mit kleinen schwarzen Dreiecken, jenen Zeichen, mit denen gewöhnlich bestimmte Industriezweige markiert werden. Es ist die „Übersichtskarte der KZ-Lager des Dritten Reiches“ (nach amtlichen Unterlagen der Adjutantur des KZ Buchenwald). Jedes Dreieck ist ein KZ-Lager. Es gibt 200, 300, vielleicht 400 solcher kleinen, schwarzen Zeichen auf der großen weißen Karte. Sie ist abgedruckt in dem Buch

„Das Gewissen entscheidet. Bereiche des deutschen Widerstandes von 1933–1945.“ Mosaik Verlag, Annedore Leber, Berlin-Frankfurt/M. 286 S., 19,80 DM.

„Das Heer der Deutschen, die wegen ihrer Überzeugung und ihres Handelns oder als Opfer nationalsozialistischer WahnVorstellungen und Willkürakte kürzere oder längere Zeit in den Konzentrationslagern und Kerkern des Hitler-Regimes zubringen mußten, wird auf über eine Million geschätzt. Und die Zahl derer, die in der Auseinandersetzung mit der Diktatur umkamen, liegt eher über als unter 40 000.“ So heißt es in der Einleitung zu diesem Buch, in dem die Bilder und Schicksale einer Reihe jener Deutscher zusammengetragen sind, die aufbegehrten gegen Rechtlosigkeit und Versklavung der Hitler-Zeit, so wie noch heute im östlichen Bereich immer wieder einzelne sich auflehnen gegen die Unterdrückung.

Am 24. April 1934 wurde der Volksgerichtshof geschaffen. Hitlers Anweisung für die Wahl der Richter lautete: „Je subjektiver und ausschließlicher ein Richter an die Idee des Nationalsozialismus gebunden ist, desto objektiver und gerechter wird seine Rechtsprechung sein.“ Wer dächte bei dieser These nicht an Hilde Benjamin oder an Kadar in Ungarn?

Die Reihe der Bilder beginnt mit dem Gesicht eines unbekannten Märtyrers, hinter dem, wie im Nebel, die ausdruckslose Visage eines Volksgerichtshof-Polizisten auftaucht. Das unbekannte Gesicht – kaum mehr ein individuelles menschliches Antlitz, sondern eher schon wie dessen Übersetzung von Künstlerhand für die Geschichte – ist wie ein Mahnmal: man kann den Blick nicht von ihm wenden. Niemand weiß, wer er war und wie er starb, ob er Frau und Kind hinterließ. Vielleicht war er ein Arbeiter, vielleicht ein Soldat oder ein Dichter. Er wirkt wie die Integration all jener, denen es wichtiger war, das Bild des Menschen rein zu halten, als ein unbekümmertes Leben zu führen. Und ihrer gab es viele und höchst verschiedenartige, wie die folgenden Seiten des Buches zeigen.

Da sieht man die Bilder von jungen Menschen, ein 22jähriges Mädchen, die wie ein junger Ritter vor dem Reichskriegsgericht sagte: „Anzeigen? Nein, niemals Und da steht Graf Üxküll-Gyllenband, der fast 70jährige, in stolzer Haltung vor dem Volksgerichtshof: Er habe sehr wohl übersehen, was er tat, und würde jederzeit wieder so handeln. Viele sind abgebildet im geistlichen Gewand. Die hohen Offiziere stehen in Zivil vor Freisler, Feldmarschall von Witzleben, Generaloberst Hoepner, mehrere Generäle...

Die ganze Geschichte jener Jahre zieht, verkörpert in diesen Gestalten, noch einmal an uns vorbei: von Hans Litten, dem Rechtsanwalt, der Hitler im Jahre 1931 in einem Prozeß gegen Angehörige der SA so sehr in die Enge trieb, daß dieser ihn am Morgen des Reichstagsbrandes 1933 (also am ersten Tage, an dem er Rache nehmen konnte) verhaften ließ – bis zu jenem Penzenberger Bürgermeister, der am 28. April 1945 den Befehl, Brücke und Wasserwerk seiner Stadt zu sprengen, sabotierte und der daraufhin, zusammen mit sechs anderen Bürgern, von dem Kommandeur eines am Abend zufällig durchziehenden Regiments erschossen wurde.