Die NS-Vergangenheit Deutschlands ist zu einer zähen, teerigen Masse erstarrt, nachdem auf den Feuern der Nürnberger Gerichte der fremde und allzu eilfertig begonnene Versuch mißlang, ein klares, durchsichtiges Destillat zu gewinnen. Wo zum Beispiel ist der Gestapo-Mann geblieben – und es muß ihn doch wohl in tausendfacher Ausfertigung gegeben haben –, der, sobald ihm ein Opfer zur „Vernehmung“ vorgeführt wurde, erst einmal die Hand zur Faust ballte und sie ihm ins Gesicht schmetterte? Wo blieb der Staatsanwalt – und es muß ihn doch in hundertfacher Ausführung gegeben haben –, der die Richter zwang, nicht mehr nach Recht zu fragen, sondern sich diktatorischen Verordnungen zu beugen? Manchmal freilich steigt aus der trüben, teerigen Masse eine Blase auf. Wir sahen sie platzen und sind für eine Weile klüger.

Da gab es in der vorigen Woche vor einer Strafkammer des Landgerichts Hamburg einen vom Innenministerium angestrengten Prozeß, und darin stand der Gestapo-Mann vor den Richtern – in straffer Haltung und heute noch überzeugt, nicht gegen das Gesetz verstoßen zu haben. Wovon er lebt? Beispielsweise bezog er „Beamtenübergangsbezüge“ in Höhe von monatlich 270 Mark. Wo er beschäftigt war? Beispielsweise beim Verfassungsschutzamt, er, der SS-Untersturmführer a. D., wenigstens fast ein Jahr lang. Übrigens stand er schon einmal vor einer Strafkammer desselben Landgerichts. Das war vor Jahresfrist und es endete – mit Freispruch mangels Beweisen.

Zwar hatte ein Zeuge – sein Name Dr. Bauer – bekundet, daß der Gestapo-Mann – sein Name Josef Baumer – ihm schon bei Beginn der „Vernehmung“ ins Gesicht geschlagen habe. Aber das Gericht behandelte damals diesen Passus im Urteilsspruch so: „Aus welchem Grunde er diese Schläge erhalten habe, konnte der Zeuge jedoch nicht angeben.“ Als ob andere, die von Gestapo-Männern geschlagen wurden, den Grund dafür hätten angeben können, warum sie – bevor die „Vernehmung“ noch begann – erst einmal eine Faust im Gesicht spüren mußten! Und als die Gestapo-Männer dann zum Knüppel griffen – Leiter dieser „Vernehmungen“ waren eben dieser Josef Baumer und sein Vorgesetzter, der SS-Sturmbannführer Günther –, da kam Dr. Bauer bald in einen Zustand, den die Richter vom 1956er Termin genau wissen wollten. „Volles Bewußtsein?“ – Zeuge: „Ja“. Er sagte freilich ein anderes Mal, er sei „nur noch Kreatur“ gewesen. – „Widerspruchsvolle Angaben“, so schloß das Gericht, obwohl es dem Zeugen um so mehr hätte glauben sollen als nicht er, sondern eben das Innenministerium, das Verfahren eingeleitet hatte. Dem Zeugen war es nicht um Rache zu tun. Dieser eine Gestapo-Mann, so sagte er, sei „nur einer von vielen und unwichtig“ gewesen.

Diesmal, im 1957er Termin, wurde Baumer wegen Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Aussage-Erpressung zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Und sein Verteidiger konnte ihm nicht helfen, obwohl er seine Argumente parat hatte.

Milde, aber stetig versuchte er die Opfer des 20. Juli, und besonders Goerdeler, in schlechtes Licht zu setzen – waren sie denn nicht „Verräter“? Er erwähnte einen Erlaß, daß Menschen, von denen vermutet wurde, daß sie – wie Dr. Bauer tatsächlich – zum Goerdeler-Kreis gehörten, mit „verschärften Vernehmungen“ zu behandeln seien, und einmal nannte er Blut-Freisler, jenen beamteten Mörder vom „Volksgerichtshof“, mit dessen damaligem Titel und sprach vom „Herrn Senatspräsidenten“ ...

Aus teeriger Masse stieg eine Blase auf und platzte: Der Pensionär hatte sich seine Pension als Gestapo-Mann verdient, indem er prügelte und „verschärft vernahm“. Es hätte aber noch eine andere Blase platzen können: Vielleicht versteht man, warum der Verteidiger offenbar heute noch glaubt, die Verfahren vor dem „Volksgerichtshof“ seien rechtens gewesen, wenn man hört, was Eingeweihte sagen: Er war damals noch nicht Verteidiger, er war damals Generalstaatsanwalt... J. M.