Nimmt man ein neues Buch von Ernst Jünger zur Hand, so ist das ein wenig, als ob man nach Jahren einer alten Liebe oder eines alten Hasses gedenkt. Die Erinnerung läßt sich noch beschwören, aber die Gefühle flammen nicht mehr auf. Hat man sich einmal leidenschaftlich mit Ernst Jünger auseinandergesetzt – ob bewundernd oder ablehnend, spielt dabei keine Rolle – dann wirkt sein neues Buch enttäuschend:

Ernst Jünger: „Gläserne Bienen.“ Ernst Klett Verlag, Stuttgart. 180 S., 9,80 DM.

Damit soll gar nichts Negatives über dieses Buch gesagt sein.

„Gläserne Bienen“ ist eine Erzählung, die man durchaus mit Vergnügen liest. Sie handelt vor. dem ehemaligen Leichten und seither leicht heruntergekommenen Reiter Richard, der auf dringlicher Stellensuche in die automatische Zauberwelt Zapparonis gerät, eines Mannes, in dessen Werken „Roboter zu allen möglichen Verrichtungen“ gebaut werden. Zapparonis Welt ist von raffinierten Automaten bevölkert, von gläsernen Bienei, die ihre natürlichen Konkurrenten „mit ihrer vorsintflutlichen Ökonomie“ in Verlegenheit bringen.

Diese Beobachtung löst eine Reihe von Reflexionen über das Wesen der Technik bei dem auf seinen zukünftigen Chef wartenden Rittmeister aus. „Im tieferen Bereich der Technik“, fällt ihm ein, „fesselt weniger das Ökonomische, ja nicht einmal der Machtfaktor, sondern ein spielerischer Zug“.

Im Verlaufe weiteren Nachdenkens, bei dem das von Zapparoni erdachte Puppentheater eine Rolle spielt, dessen „Figurinen das Menschenwesen nicht einfach nachahmten, sondern es über seine Möglichkeiten ... hinausführten“, findet der Rittmeister, daß ein Mann, der mit künstlichen Menschen spielt, kaum gläserne Bienen zur Belustigung nötig habe.

Die gläsernen Bienen müssen also heimlich unheimlichen Zwecken dienen. Näheres erfährt man nie. Dies führt zu dem Schluß: „ökonomisch Absurdes wird nur geleistet, wo Macht auf dem Spiele steht.“

Im weiteren Verlaufe seiner Beobachtungen entdeckt der Rittmeister in einem Sumpfloch – abgeschnittene menschliche Ohren. Ihn graust. Uns auch. Nun scheint ihm der Zeitpunkt gekommen, an dem von Moral gesprochen werden muß. Zwar stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, daß es sich um künstliche Ohren handelt – der endlich im Garten auftauchende Zapparoni bestätigt dann auch, daß der gekränkte Ohrenhersteller den Marionetten sämtliche Ohren abgeschnitten hat, ehe er verschwand –, aber das Problem bleibt.

Es ist dasselbe wie jenes, vor dem die Entdecker der Schädelstätte in den „Marmorklippen“ stehen und vor dem Lucius de Geer in „Heliopolis“ zusammenbricht. Und wie in den früheren Werken handelt es sich letzten Endes bei dem Abscheu, den die jüngerschen Gestalten empfinden, nicht um eine moralische, sondern um eine ästhetisierende Reaktion. Ekel ist keine moralische Kategorie.

Doch ist es vielleicht gleichgültig, aus welchen Gründen die grausige Kehrseite der Macht abgelehnt wird – solange sie abgelehnt wird. Der Rittmeister jedenfalls zerschlägt, trotz Zapparonis Warnung vor den Tierchen, einen der gläsernen Roboter, dessen Aufgabe wahrscheinlich darin bestand, die Reaktionen des Stellensuchers angesichts der Gegenüberstellung mit dem Grausigen zu registrieren und weiterzuvermitteln. Ist’s nun auch mit der Stellung aus? Keineswegs. Der Rittmeister hat den Test zwar nicht bestanden – aber er bekommt einen anderen Job.

Nun könnte man sich in Rätselraten über einiges in dieser Geschichte verlieren. Oder man könnte ... Doch lassen wir das. Was ich nicht mehr kann, überwiegt. Und es ist einfach dies: Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß Ernst Jünger uns heute nicht mehr sehr viel zu sagen hat.

Marianne Regensburger