Rheinland-Pfalz Schlenkerfähre a. D.
Wer sommers mit einem der großen weißen Dampfer an der Loreley vorüberfährt, während die Schiffskapelle das obligate „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" spielt, den ergreift es wohl selten mit „wildem Weh", und er glaubt auch nicht, daß „die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn". Denn wenn auch die Klippen bei Stromkilometer 554 noch immer recht gefährlich für die großen Schleppzüge sind, der Tourist auf dem Dampfer merkt kaum etwas davon . Wollte er einmal von „wildem Weh" ergriffen werden, so mußte er sich (und sein Auto) einem Verkehrsmittel anvertrauen, das bis vor wenigen Tagen das rechte Stromufer bei Kaub mit dem linken unterhalb von Bacharach verband: der sogenannten „Schlenkerfähre" bei Stromkilometer 546, just an der Stelle, an der Marschall Blücher in der Nacht zum 1. Januar 1814 mit seiner Vorhut den Rhein überquerte.
Die „Schlenkerfähre war ein großer flacher Prahm, auf dem vier Autos und ein Haufen Fußvolk bequem Platz finden konnten. Sobald sich das schwerfällige Fahrzeug vom Ufer gelöst hatte, bemerkte der Fremde, daß es von einem unscheinbaren Ruderboot gezogen wird, an dessen Bord eine Art Fahrradhilfsmotor surrte.
Der Steuermann dieses Nachens war ein genialer Hasardeur. Kaum hatte sich das Schleppseil gestrafft, an dem der Fährprahm hing, da pflügte der Mann mit seinem Kahn auf die scharfen Klippen hinter dem KauberWerth zu, daß es dem Touristenvolk himmelangst wurde. War der Prahm dann in handbreitem Abstand an den Felsen vorübergeglitten, so steuerte der Nachen das gegenüberliegende Ufer an. Jedermann atmete auf — zu früh! Kurz vor dem rettenden Strand drehte der Nachen wieder stromauf, ließ die Fähr Anlegestelle weit hinter sich und machte den ganz großen Schlenker, der diagonal zur Strömung endete. In dieser Lage stellte der Steuermann seinen Fahrradmotor ab und verschränkte die Arme. Und — o Wunder! — die Strömung trieb den Prahm leise schaukelnd mit der richtigen Seite genau an die Fährstelle heran. Die „Schlenkerfähre", die länger als ein halbes Jahrhundert ihren Dienst getan hat (die einzige übrigens in Deutschland, vielleicht in der Welt), fährt nicht mehr. Die Wasser- und Schiffahrtsdirektion machte „angesichts des zunehmenden Schiffsverkehrs auf dem Mittelrhein" den Inhabern des alten Kauber Fährregals die Auflage, den Prahm mit zwei Motoren auszurüsten und den Nachen samt Hilfsmotor und Schleppseil künftig fortzulassen. Ade, Schlenkerfähre!
- Datum 20.03.1958 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.3.1958 Nr. 12
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