Im Schaufenster der Weltausstellung sieht man das große Lächeln der Nationen

Von Jan Molitor

Wer zählt die Völker, nennt die Namen? Wer kennt die Flaggen, zählt die Häuser, schätzt die Kosten? Ist es ein Spiel, dies alles, oder ein ernsthaftes Treiben – des Schweißes der Edelsten wert? Wie – die Nationen rings im Erdkreis geben sich hier ein Stelldichein, um gegenseitig Freud und Leid zu offenbaren? Und für wen ist diese Weltausstellung, genannt „Expo 58“, eigentlich gemacht? Nur für die Wirte, die sich für ein Zimmer hundert und für ein Frühstück dreißig Mark bezahlen lassen? Hier steht ein Mann und schwört Stein und Bein: Die Ausstellung muß für den – Marsmenschen sein ...

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Der Mann steht inmitten der Ausstellung, und es ist kalt, und der Regen berieselt ihn, und er ist aus Deutschland gekommen und hat in Brüssel überall den asymmetrisch gezackten Stern leuchten sehen, der ihn zum Gelände gegenüber dem Königsschloß Laeken führte. Der Mann hat sein Eintrittsgeld bezahlt – das einzige, was in Brüssel billig ist –, und niemand kann ihn verjagen. Ringsum weht Musik aus Lautsprechern, überall knattern Fahnen.

Verflixt, er kennt doch die Welt, der arme Mann, er ist doch schon rund um den Globus gefahren. Aber hier? Wenn das noch das Brüsseler Parkgelände an der großen Straße nach Antwerpen sein soll, ist er bereit, einen Besen mit Stiel zu fressen!

Hier sollten – wenn seine Erinnerung nicht trügt – Idylle und Natur sein. Aber hier sind glanzvolle Avenuen, weiße Tunnels, Über- und Unterführungen, riesige Parkplätze. Und sogar inmitten des umzäunten Geheges läuft auf Betonstreben eine schräg geschnittene, pompöse Fahr- und Gehbahn, die mit der Kühnheit ihrer Linienführung obendrein künstlerische Ambitionen hat. Dies alles ist eine sonderbare Welt, auf Hochglanz poliert, und nicht einmal ein gehöriger Regen kann ihr ernsthaft schaden. Stellen wir uns einen Menschen vor, der nie in Deutschland, nie in England, Frankreich, Belgien, Rußland war, ja, überhaupt nirgendwo auf der Welt, so ergibt sich notgedrungen der Typ, für den die „Expo 58“ glaubhaft ist: der Marsmensch, quod est demonstrandum ...