Von Alfred Kantorowicz

Die Bücherverbrennungen, die vor 25 Jahren, am 10. Mai 1933, auf dem Opernplatz zu Berlin und auf vielen öffentlichen Plätzen der Haupt- und Universitätsstädte des Reiches stattfanden, haben seinerzeit in der Welt einen tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht. Die deutschen Schriftsteller im Exil haben, mit Hilfe ihrer Kollegen und Freunde aus vielen Ländern, dem „symbolischen Akt“ der Barbarei bereits am 1. Jahrestage der Untat ein Wahrzeichen entgegengesetzt: die „Deutsche Freiheitsbibliothek“, die am 10. Mai 1934 unter dem Protektorat von André Gide, Romain Rolland, G. H. Wells, Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann – mit Anteilnahme der Weltöffentlichkeit – in Paris begründet wurde.

Das Motiv war nicht so sehr die Erinnerung an schmerzliche und beschämende Ereignisse im Vaterlande als vielmehr eine Anregung, diesen Tag, den die Nazis zum Stichtag ihrer Barbarei gemacht hatten, zum Ehrentag der großen deutschen Literatur und Geisteswissenschaft, zum Tag des Freien Buches zu bestimmen.

Alljährlich fanden am 10. Mai Gedenkfeiern statt, die zu einigen hoffnungsvollen Höhepunkten führten. inmitten des Krieges, am 10. Mai 1943 – am 10. Jahrestage – wurden auf 300 der größten Bibliotheken der Vereinigten Staaten die Flaggen auf Halbmast gesenkt.

Vier Jahre später, am 10. Mai 1947, vereinten sich auf deutschem Boden, in Berlin, an der Stätte, wo 14 Jahre zuvor die Scheiterhaufen gelodert hatten, Vertreter aller deutschen Parteien aus Ost und West und der vier Besatzungsmächte, um die Freiheit des Buches zu ehren. Aber als die widernatürliche Spaltung unseres Vaterlandes sich vertiefte, wurde auch dieser einigende Gedanke vergessen.

In dem einen Teil Deutschlands sah sich die Literatur abermals verstrickt in die Bande einer :otalen Zensur. Im anderen Teil, in dem man der nateriell gesättigten Gegenwart lebt, entsinnt man sich des Menetekels am Wege der Geschichte nur ungern. Der schöne Gedanke, den wir deutschen Schriftsteller aus dem Exil heimbrachten, einen Tag im Jahre neben so manchen anderen Fest- und Feiertagen als Tag des Freien Gedankens, als Tag des Freien Buches ins Bewußtsein unseres Volkes zu rücken und vor aller Welt von Größe und Würde deutschen Denkens und Dichtens zu zeugen, ist – scheintot.

Wird er sich dereinst wie Vogel Phönix abermals in die Lüfte erheben?