Ein Hörspiel von Ingeborg Bachmann, der lyrischen Poetin von Rang und Ruf, wurde mit einer Publizität uraufgeführt, wie sie einem Theaterstück nur selten erreichbar wäre. Der Norddeutsche, der Bayerische und der Südwest-Funk sendeten gleichzeitig die Funkdichtung „Der gute Gott von Manhattan.“

Ihr Kern ist eine Liebesgeschichte. So jedenfalls läßt sich der Umriß kennzeichnen. Ein junger Mann, Jan, will von Boston über New York nach Europa heimreisen. Auf einer U-Bahn-Station kommt er mit Jennifer, einem jungen Mädchen, ins Gespräch, das sich von ferne schon längst in Jan verliebt hat. Von ihr ermutigt, werden aus einigen Stunden des Ansehens von „kühlen Schultern, kühlen Augen“ heiße Nächte in New York. Erst im Erdgeschoß eines Absteigequartiers, dann im siebten Stockwerk des Atlantikhotels, dann im 30., schließlich im höchsten Stock, dem 57. Dort geschieht die Bombenexplosion, die Jennifer tötet, während Jan abwesend ist, um seine Schiffskarte nach Europa endgültig zurückzugeben.

In den Gesprächsstationen vollzieht sich eine Liebe, die vom kühlen Anschauen über flüchtigen Sinnengenuß alle Stadien der Hingabe, des Kampfes, der Demut und Feindschaft zwischen den Geschlechtern durchläuft bis zur Sprengung des Ichs, das Du werden will – ziellos, endlos, uferlos. In einer Jahrmarktsszene wird parodistisch präludierend das Thema genannt, das Ingeborg Bachmann dann ernsthaft variiert: Abälard und Heloise, Paolo und Francesca, Romeo und Julia, Tristan und Isolde.

Was einen Mann als Hörer fasziniert, ist das Hohelied aus der Sicht der Frau. Sie ist offen, gerecht und – bitter. Vom Begehren des Weibes verrät sie soviel, wie Männerphantasie nur träumt. Dann wird Jan ertappt, der zwar seine Schiffskarte zurückgeben und bleiben, aber auch eine halbe Stunde in einer Bar „allein“ sein, nachdenken will. Dies, nachdem Jennifer gesprochen hat wie Ruth in der Bibel: „Wo du hingehst, da will ich hingehen...“ Hier klingt weibliche Tragik an.

Aufgefangen wurde sie von der Hörspiel-Autorin in einer Rahmenhandlung, die nicht stimmt und nicht trägt. „Der gute Gott von Manhattan“ ist ein Herr über viele Eichhörnchen. Sie schreiben in seinem Auftrag Briefe und legen Bomben. Jennifer sprengen sie auf einer Höhe in die Luft, im 57. Stockwerk, wo man Sonne und Mond zugleich sieht, wo das Meer erkennen läßt, daß die Erde gekrümmt ist. Warum? Weil „der gute Gott“ der „himmlischen Erde“ (Manna Hattan) die Ordnung, die Regel, das erträgliche Leben verteidigen muß. Als dialektische Antithese mag das hingehen. Aber die Eichhörnchen – als Symbol werden sie nicht transparent. Auch der gerichtliche Scheinprozeß gegen den „guten Gott“ als Bombenleger bleibt Staffage. Dichtung ist in diesem Hörspiel „nur“ die Liebe geworden. Manche werden ihre lyrische Bildkraft als Wortschwulst abtun wollen. Nein, es war schön, daß zwischen den Surrealismen der funkischen Aufmachung ein Herz klang.

Fritz Schröder-Jahn hätte nicht selber den Richter sprechen sollen. Seine Regie jedoch war Dienst an einem lyrischen Dialog. Das Atmosphärische erwies sich als prägnant genug, ohne daß sich die Selbstdarstellung des Funks vordrängte. Im Mittelpunkt standen die Sprecher: Jan und Jennifer ( Horst Frank und Margrit Ensinger) blieben junge Menschen von heute, auch wenn sie in einer weit ausgefächerten Töneskala Bildbrocken der Erzählerin Bachmann mit der Gefühlslage von Tristan und Isolde vereinigen mußten. Ernst Schröder war in der seltsamen Funktion des Titelhelden – gegen das eigentliche „Anliegen“ der Autorin und deshalb irritierend – mehr Ankläger als Angeklagter.

Trotz des verrutschten Rahmens: eine Funkdichtung! J. J.