Dd, Wiesbaden

Die beiden hübschesten Mädchen des Luftkurortes Arnoldshain im Taunus hatten alle Hände voll zu tun, um die zahlreichen Ehrengäste mit roten und weißen Nelken zu dekorieren: den Herrn Ministerpräsidenten, vier Minister, eine Handvoll Staatssekretäre, den Herrn Landrat und ein Dutzend Journalisten.

Der 936 Einwohner zählenden Gemeinde ist das Glück widerfahren, das hundertste hessische Dorfgemeinschaftshaus einweihen zu können, einen modernen Flachbau, der zwar unter anderem dazu bestimmt ist, bäuerliche Kultur zu konservieren, dessen Architektur aber eher zu den Wochenendhäusern im Bungalow-Stil paßt, die sich wohlhabende Frankfurter hier im Obertaunus errichtet haben.

Das ist auch nicht verwunderlich; erinnerte doch Ministerpräsident Dr. Zinn daran, daß die Idee der Dorfgemeinschaftshäuser aus seiner Regierungserklärung von 1951 abgeleitet sei, in der er die Absicht bekundet hatte, das „Zivilisationsgefälle“ zwischen Stadt und Land zu vermindern. Gemeinschafts-Waschanlagen, Tiefkühlräume, vorbildlich eingerichtete Großküchen für Hochzeits- und andere Familienfeste, modern ausgestattete Kindergärten und Fernsehgeräte machen das Dorfgemeinschaftshaus zu einem Kristallisationspunkt städtischer Zivilisation auf dem Lande. Und wenn nicht Bürgermeister Kinkel der nach den zahlreichen höhergestellten Teilnehmern der Presselonferenz kaum zu Wort kam, doch noch rasch auf die neue Kegelbahn hingewiesen hätte, wäre vielleicht nicht bekanntgeworden, daß die Gemeindeverwaltungen hie und da auf eigene Kosten ein konservativeres Element in die Planung einschmuggeln...

Rund vierzehn Millionen Mark haben die hessischen Steuerzahler bereits für das Programm aufgebracht, das vor fünf Jahren unter dem militanten Namen „soziale Aufrüstung des Dorfes“ begann. Etwa die gleiche Summe wurde von den hindert Landgemeinden beigesteuert, deren Wunsch nach einem Gemeinschaftshaus bisher in Erfüllung sing. Auch bei kritischer Prüfung ergibt sich, daß die Häuser entweder rentabel sind oder nur sehr geringe Zuschüsse erfordern. Meist können Hausmeister und Kindergärtnerinnen, Heizmaterial und Instandsetzungen aus den mäßigen Gebühren bezahlt werden, die für Wäscherei und Gefrieranlage angenommen werden. Und trotz der Bedenken, die aus Kreisen der Opposition zunächst gegen die „soziale Aufrüstung“ laut wurden, kann kein Zweifel daran bestehen, daß auch eine „bürgerliche“ Regierung in Hessen das Programm fortsetzen würde.

Die hessische Sozialdemokratie scheint trotz alledem nicht, damit zu rechnen, daß die soziale Dorfaufrüstung auch politische Früchte trägt. In Oberhessen meinte ein Landrat: „Bei uns wählen sie die CDU in den Bundestag, die SPD in den Kreistag und die FDP oder freie Wählergemeinschaften in die Gemeindevertretung.“ Man sollte meinen, bei dieser Sachlage könnte die SPD auch den Landtagswahlen ruhig entgegensehen.

Und dennoch ist – nach Meinung der SPD – die Landbevölkerung politisch „noch nicht reif genug“. Mit dieser Begründung lehnte ihr Sprecher vor zwei Jahren die Anträge der Opposition ab, in Hessen nach badisch-württembergischem Beispiel die Direktwahl der Bürgermeister – wenigstens in Orten unter 3000 Einwohnern – einzuführen. Vor einigen Tagen distanzierte sich zwar der SPD-Abgeordnete Arnoul im Landtag von der damaligen Erklärung seines Fraktionskollegen, lehnte aber erneute Vorstöße zugunsten der Bürgermeister-Urwahl mit einer Begründung ab, die dem Sinne nach nichts anderes besagt. Er meinte, auf etlichen Dörfern gebe es noch Barone, die einen zu starken Einfluß auf das Volk ausüben könnten.

In der Vorstellungswelt vieler SPD-Abgeordneten geistern noch Tausende von despotischen Grundherren umher – und Hunderttausende von armen Bauern, die sich unter der Knute ducken. Die modernen Ideen, die den Ministerpräsidenten Zinn leiten (etwa im Falle der Dorfgemeinschaftshäuser), scheinen sich in seiner Partei noch nicht durchgesetzt zu haben.