Atom- und Wasserstoffbomben sowie die Trägerraketen nuklearer Geschosse werden bald nur noch zweitrangige Gefahren eines zukünftigen Krieges sein. Nach Nachrichten aus Amerika heißt das nun auftauchende Kriegsgespenst: meteorologische Kriegführung (auf die bereits Professor Carl Friedrich von Weizsäcker im 3. Teil seiner Artikelreihe „Mit der Bombe leben“, ZEIT Nr. 22, hinwies). Nach den vorliegenden Meldungen aus den USA sollen die Sowjets gewisse Methoden für eine wirksame Wetterkontrolle entwickelt haben, die zum Nachteil der USA und ihrer Verbündeten eingesetzt werden könnten. Professor H. G. Houghton, der Leiter der Meteorologischen Abteilung des berühmten Instituts für Technologie von Massachusetts hat schon vor einigen Monaten dieser Befürchtung mit den Worten Ausdruck gegeben: „Ich schaudere, wenn ich an die Folgen einer russischen Entdeckung von wirksamen Methoden der Wetterkontrolle denke und mit der Möglichkeit rechne, daß die Russen uns damit zuvorkommen könnten.“ Diese Befürchtung läßt den Schluß zu, daß man auch in Amerika an „wirksamen Methoden der Wetterkontrolle“ arbeitet. Der Kongreßausschuß für Fragen der Wetterkontrolle hat erst kürzlich festgestellt, das es unter günstigen Geländeverhältnissen heute schon möglich sei, wirtschaftlich bedeutsamen Niederschlag künstlich (durch Wolkenimpfung) zu erzeugen. Man befürchtet nun, daß hinter dem Eisernen Vorhang an noch wirksameren Methoden gearbeitet wird.

Diese Besorgnisse werden verständlich, wenn man sich die Folgen einer „feindlichen“ Wetterkontrolle ausmalt. Angenommen, es gelingt dem Gegner, im Kriegsfalle Regenwolken in großen Mengen künstlich auszumelken, so kann dieser Niederschlag an einer anderen Stelle des Erdballs nicht mehr niedergehen. Es handelt sich bei dem sogenannten künstlichen Regen, nämlich um vorzeitig ausgelösten natürlichen Niederschlag, denn die Wasserdampfmenge der Atmosphäre kann – vorsichtig gesagt – einstweilen noch nicht künstlich erhöht werden. Das wäre nur möglich, wenn die Ozeane durch künstliche Erwärmung zur erhöhten Abgabe von Wasserdampf angeregt werden könnten. Jede Erhöhung des Niederschlags über dem Land X ist notwendigerweise mit einer Verminderung über einem anderen Gebiet der Erde verbunden. Beobachtungen bestätigen, daß die jährlich über dem Erdball niedergehende Regen- und Schneemenge ungefähr gleich bleibt. Gelingt es tatsächlich, Regenwolken vor dem Erreichen der Grenzen des Gegners auszuregnen oder sie umzuleiten, so wären die möglichen Folgen wie Dürre, Mißernten oder, gar Hungersnöte tatsächlich eine fürchterliche Waffe.

Außer dem Abdrehen der atmosphärischen Gießkanne beschäftigt die Amerikaner auch noch eine andere Art der möglichen meteorologischen Kriegsführung. So verschieden die Beschaffenheit der Erdkruste ist, so verschieden ist auch die Menge der Sonnenenergie, die von ihr aufgenommen wird. Die geringste Strahlenenergie der Sonne wird von Schnee- und Eisflächen absorbiert. Ein früheres Mitglied der amerikanischen Atomenergiekommission, der kürzlich verstorbene Mathematiker John von Neumann, hat ausgerechnet, daß man durch das Auftragen eines dünnen Staubfilmes auf Eisflächen eine vorzeitige Schneeschmelze großer Landflächen erreichen kann. Nach seiner Kenntnis, so erklärt er, würden in Rußland großzügige Versuche in dieser Richtung mit dem Ziel angestellt, den Beginn des Frühlings durch eine frühere Schneeschmelze vorzuverlegen. Man folgert nun in den USA weiter, die Russen könnten diese so gewonnenen Erfahrungen dazu einsetzen, die Eismassen der Arktis zu schmelzen, um den nordamerikanischen Kontinent zu überfluten. Aber auch hier wird die Fragwürdigkeit einer ad absurdum geführten modernen Kriegstechnik deutlich, die den Angreifer mit der von ihm selbst verwendeten Waffe zu vernichten droht, denn auch Rußland grenzt an die Arktis. hap.