Die HV der Allianz Versicherungs-AG, München-Berlin, benutzte Vorstandsvorsitzer Gen.-Dir. Dr. Goudefroy dazu, die Reservenpolitik der Gesellschaft eingehend zu begründen. Er bezweifelte dabei die Nützlichkeit und Notwendigkeit von Zusatzaktien, da trotz der beachtlichen neuerlichen Dotierung der Rücklagen diese auch als „strategische oder operative Einsatzmittel“ zur Verfügung stehen müßten. Versicherungen könnten es sich ohne schwere geschäftliche Einbußen kaum leisten, etwaige Verluste durch Herabsetzung des Grundkapitals auszugleichen. Als Gründe für die Notwendigkeit eines hohen Reservenpolsters führte er u. a. an, daß die Einkommensbewegung ganz entscheidend die Höhe des Schadensaufwandes mit beinflusse, eine Tatsache, die noch vor einem Menschenalter in der Versicherungswirtschaft kaum eine Rolle stielte. Auch die Dynamik in den Leistungen der staatlichen Rentenversicherung habe bei den Rentenzahlungen für Haftpflichtpersonenschäden eine Wirkung ausgelöst, die schwierige Aufgaben stelle.

Wenn trotz der Erhöhung der Tarifgehälter der Kostensatz gehalten worden sei, so habe doch der Erfolg weiterer Rationälisierungsmaßnahmen seine Grenzen. Die technischen Rückstellungen, also Prämienüberträge, Deckungs- und Schadenrickstellungen machen heute über 70 v. H. der Passivseite in der Allianz-Bilanz aus. Darüber hinaus müsse man über ausreichend liquide freie Reserven verfügen und mit dem erweiterten Geschäftsvolumen auch die Garantiemittel vermehren, da im Zug der technischen Entwicklung die Wertballungen zunehmen. Auch bei der Atomenergie müßte man im Ernstfall auf die Garantiemittel der Versicherungswirtschaft zurückgreifen können, solange sie nicht die ausgleichend große Zahl der Risiken besitzt. Schließlich müsse man im Europamarkt und vielleicht in der Freihandelszone mit anderen Ländern konkurrieren. Dabei werde man mit Versicherungsgesellschaften auch auf dem nationalen Markt in Wettbewerb treten, die meist nicht gleiche Substanzverluste durch den Krieg und seine Folgen erlitten hätten.

Die Stückzahl der Versicherungen hat bei der Allianz im laufenden Jahr die 10 Millionen-Grenze erheblich überschritten, doch mache sich bei dem schärfer werdenden Wettbewerb ein verstärkter Druck auf die zu erzielenden Prämiensätze bemerkbar. Im laufenden Jahr sei trotz des bisher befriedigenden Verlaufes eine genaue Abschätzung des Ergebnisses 1958 noch nicht möglich. In der Hauptversammlung wurde für 1957 eine Stückdividende von 22 DM – Dr. Goudefroy bezeichnete sie als in der Spitzengruppe der Vorschläge großer Aktiengesellschaften liegend – gegen 33 von 128 023 anwesenden Stimmen, die rd. 73 v. H. des AK vertraten, genehmigt. An Stelle des aus Altersgründen ausgeschiedenen Kommerzienrats Dr. Butzengeiger wurde Dr. Hans Christoph Freiherr von Tucher (Bayerische Vereinsbank, München) in den AR gewählt. Die erwartete Opposition blieb aus, nachdem Alfons Hoofacker, AR-Mitglied der Allianz als nichtbetriebsangehöriger Arbeitnehmervertreter, seinen Antrag unter Hinweis auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand zurückgezogen hatte. t. r.