Von Josef Müller-Marein

Seit einiger Zeit findet man, wenn man in den Musikalienläden Ausgaben unserer Klassiker durchblättert, daß da viel Wesen mit dem Worte „Urtext“ getrieben wird. Hier liegt ein solches Stück: J.S. Bachs „Musikalisches Opfer’, Ausgabe Peters. Wie „ur“ ist aber ein „Urtext‘, wenn bei der Trio-Sonate dort, wo Bach einfach einen bezifferten Baß setzte, die Akkorde ausgeschrieben sind? Und wie kann von „Urtext“ die Rede sein, wenn der Part des Cembalo mit allen möglichen dynamischen Zeichen versehen ist, so als hätte Bach das moderne Klavier schon gekannt?

Oder hier ein „Quartettino für drei Alt-Blockflöten und Cembalo von Scarlatti, ebenfalls bei Peters: Der Außentitel sagt: „Urtext“, während der Innentitel verrät, daß eine neue Cembalo-Stimme hinzugefügt wurde.

Oder hier eine Peters-Ausgabe von Sonaten und Stücken des C. Ph. E. Bach: „Urtext“, so heißt es draußen; doch ein einziger Blick ins Innere des Heftes zeigt, was das Vorwort dann auch nicht leugnet: „Die Bearbeitung beschränkt sich auf Fingersatz, Artikulationszeichen und dynamische Hinweise... Außerdem wurde aus Gründen leichterer Lesbarkeit der teilweise sehr umständliche ‚stimmige‘ Satz in einen .griffigen’ umgeschrieben.“ Ja, wie weit glaubt ein Bearbeiter eigentlich noch gehen zu dürfen, ohne daß er das moderne Gütezeichen „Urtext“ verletzt?

Auf solche Weise stutzig geworden, setzt man sich auf die Spur. Erste Beute: die Peters-Ausgabe der Mozartschen Klaviersonaten, die im Jahre 1958 als „Urtext“ angepriesen wird und die im Jahre 1940 den korrekteren Hinweis trug: „Nach den Quellen neu herausgegeben von G. A. Martienssen und Wilhelm Weismann.“

Zweite Beute: Die sogenannte Akademie-Ausgabe von Breitkopf & Härtel, die einst verdienstvolle, heute sechzig Jahre alte, wird als Mozartscher „Urtext“ angeboten, obwohl es den Leitern dieses Verlages nicht unbekannt geblieben sein kann, daß die Forschung mittlerweile sechs der hier abgedruckten Sonaten als unecht erkannt hat, als „untergeschobene“ Werke unbekannter Komponisten, während man von einer siebenten weiß, daß sie von Raupach stammt. Was hat die Bezeichnung „Urtext“ dann noch für eine andere Bedeutung, wenn nicht die eines „echten“ Stempels auf eine falsche Sache? Und wer fragt danach? Falsch etikettierter Wein empört die Gemüter der Kenner; aber „aufgemozarteter“ Raupach als „Urtext“ falsch etikettiert – das soll uns kalt lassen?

Dritte Beute: Die Peters-Ausgabe der Beethovenschen Klaviersonaten. 1940 sagte der Verlag von ihr: „Neuausgabe (Pauer)“ und von „Urtext“ war keine Rede, 1949 hieß die gleiche Edition: „Nach dem Urtext“. 1958 aber stellt sie sich schlicht als „Urtext“ vor. Und daß sie eben dies nicht ist, dafür sei unter vielen Merkmalen hier nur ein einziges erwähnt: Beethoven hat seinen Sonaten hier und dort Angaben für den Fingersatz beigefügt; sie müßten also, trüge die Peters-Ausgabe den Titel „Urtext“ zu Recht, darin enthalten sein; indes ... sie fehlen. Und dies ist, wie gesagt, nur ein Beispiel unter vielen, die allesamt darauf hindeuten, wie heutzutage mit dem Worte „Urtext“ Schindluder getrieben wird, hier und anderswo.