–ge, Bremen

In Bremen gab es jetzt einen „Ministersturz“, dessen wahre Hintergründe bisher noch recht dunkel blieben. Der sozialdemokratische Wirtschaftssenator Hermann Wolters, auf den am 6. Oktober in Bonn ein nächtlicher Raubüberfall verübt worden war, verzichtete auf seinen Senatssitz. Amtlich wird dieser Rücktritt zwar als freiwillig bezeichnet, doch spricht alles dafür, daß Parteifreunde dem 48jährigen Senator diesen Verzicht sehr nachdrücklich nahegelegt haben.

Offenbar fühlten sie sich dazu bewogen, weil Wolters nach dem Überfall, bei dem ihm 800 DM geraubt und schmerzhafte Verletzungen zugefügt worden waren, eine Reihe widerspruchsvoller Schilderungen über den Ablauf des Geschehens gegeben hatte. Das ließ den Verdacht aufkommen, das nächtliche Scharmützel zwischen dem als lebensfroh bekannten Politiker und den bislang noch nicht aufgespürten Ganoven sei anders verlaufen, als es des Senators – durch eine bei der Rauferei erlittene leichte Gehirnerschütterung womöglich getrübtes – Gedächtnis widerspiegelt.

Derartige Zweifel betrafen vor allem den Ort, an dem sich der Überfall zugetragen haben soll. Während Wolters angibt, er sei nach einer kleinen „Bierreise“ durch die Bundeshauptstadt auf dem Marktplatz niedergeschlagen worden und habe dort 45 Minuten besinnungslos gelegen, hält es die Bonner Polizei für unmöglich, daß ein solcher Vorgang an dieser Stelle so lange Zeit unbemerkt geblieben wäre.

In einem Zwischenbericht meinte Polizeipräsident Dr. Tegethoff (dessen unparteiische, dem delikaten Gegenstand angepaßte Untersuchungsführung im Bremer Rathaus volle Anerkennung findet) denn auch, der Überfall müsse sich an einer anderen Stelle ereignet haben, möglicherweise in einer dem Marktplatz benachbarten, auch des Nachts belebten Gegend.

Um den Dingen auf den Grund zu gehen, setzte der Senat mehrere Wochen nach der so unglücknicht verbindlichen – Feststellungen des SPD-Landesausschusses schrieb er in seinem Rücktrittsangebot: „Trotz der danach erwiesenen Haltlosigkeit jeder Verdächtigung war in der Öffentlichkeit durch eine tatbestandswidrige Darstellung der Vorgänge in einem Teil der Presse ein falscher Anschein zu meinem Schaden hervorgerufen worlich verlaufenen Bonn-Reise des Senators eine dreiköpfige Untersuchungskommission ein. Wenig später befaßte sich auch der SPD-Landesausschuß mit der mittlerweile zu einer „Affäre“ gewordenen Angelegenheit. Er veröffentlichte nach sorgfältiger Überprüfung eine diplomatisch verklausulierte Erklärung, in der es heißt, das Verhalten von Wolters gebe keinen Anlaß zu „Beanstandungen ehrenrühriger Art“ – von denen bis zu diesem Zeitpunkt öffentlich nie die Rede gewesen war.

Das Rücktrittsgesuch des Senators, das inzwischen gebilligt wurde, macht nun allen Untersuchungen auf politischer Ebene ein Ende. Da auch die Bonner Polizei mit ihren Ermittlungen nicht vorankommt, werden wahrscheinlich die Begleitumstände des Raubüberfalls für immer ein Geheimnis bleiben.

Wolters aber hat schon einen „Schuldigen“ an der für ihn so ungünstigen Entwicklung gefunden: die Presse. Unter Hinweis auf die – durchaus den“. Aus diesem Grunde sei nach seiner Ansicht nicht mehr die Gewähr für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Senat gegeben.

Von einem Versuch des Senators, die angeblich tatbestandswidrige Darstellung der ihn betreffenden Vorgänge richtigzustellen, ist bisher in Bremen nichts bekanntgeworden...