Von Thilo Koch

Casanovas Memoiren sind, übersetzt von Heinrich Conrad, neu erschienen im Verlag Langen-Müller, München. Diese Gesamtausgabe in 6 Bänden umfaßt 4240 Seiten und kostet in Leinen 120,– DM, in Saffianleder 210,– DM.

Dienliche Aufklärung vermittelt Gugitz über den bösesten Unfall Casanovas, die Verhaftung 1755. Casanova hatte lange das Mißtrauen des „Rates der Zehn“ erregt. Zwar hat er mächtige Gönner unter den Patriziern; er macht ihnen kabbalistische Weissagungen, sie unterhalten und schützen ihn, voran Signore Bragadino. Aber er macht sich immer mehr Feinde, und endlich wird der Juwelier Manuzzi von der Inquisition beauftragt, Casanova zu bespitzeln. Gugitz gibt einen der Geheimberichte Manuzzis wieder:

„Über... Auftrag erhebe ich, daß Giacomo Casanova der Sohn der Schauspielerin Zanetta, genannt La Buranella, ist; sein Vater, der auch Schauspieler war, hatte den Namen Gaetano, nach dem Tod desselben blieb benannter Giacomo in zarter Kindheit in Erziehung bei der Großmutter, da seine Mutter an den Dresdener Hof gegangen war. Seine Wohnung war in San Samuele, er wurde Priester und sprang aus der Kutte. Man sagt, daß er ein Literat sei, aber mit einem an Kabalen reichen Geist, daß er sich bei Seiner Exzellenz Zuane Bragadino in San Marina eingeführt habe und ihm viel Geld verschlang, daß er in England gereist sei, in Paris gewesen ist, daß er sich bei Kavalieren und mit Frauen sehen ließ, indem er darauf unerlaubte Vorteile zog, da es immer seine Art gewesen ist, auf Kosten anderer zu leben und leichtgläubige Leute auf seine Seite zu bringen wie jene, welche die Ausschweifung lieben, indem er ihre zügellosen Leidenschaften unterstützte, daß er Spieler ist und Bekanntschaft mit Patriziern, Fremden und Leuten aller Art hat.“ (Gugitz 170).

Am Ende waren es aber weder die Ausschweifungen, sein oft angezeigter Atheismus, seine Hochstapelei, die ihn unter die Bleidächer brachten. Die venezianische Regierung verfolgte viel mehr als diese Allerweltssünden jede Geheimbündelei unnachsichtig und scheute hier auch vor keinem Mord zurück; darüber gibt es eindeutige Akten. Insbesondere mißfielen ihr die Freimaurer, und Casanova war seit dem Jahre 1750 Mitglied dieser Geheimgesellschaft. Zweifellos hat ihm das zeitlebens immer wieder genützt; in Venedig aber wurde es ihm 1755 zum Verhängnis. Casanova wurde als Freimaurer verhaftet und ohne Urteil eingekerkert.

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Die Zeit war ja nicht zimperlich. Das Mittelmeer wurde noch immer befahren – mit Galeeren. Jahr für Jahr starben Tausende von Galeerensträflingen in ihren Ketten, unterm Ruder. Kein Hahn krähte danach, und auch Casanova, der den Galeeren mehr als einmal nahekam, verliert nicht ein einziges Wort des Mitleids darüber.