Wie weich ist Washington?

Das State Department sucht nach Wegen aus der deutschen Sackgasse

Von Hans Gresmann

Aus langer Gewöhnung haben sich die Linsen unserer Augen auf Moskau eingestellt. Von dort kamen immer die Überraschungen, kam das Bedrohliche. Zu erkennen – möglichst sogar rechtzeitig zu erkennen – was sich im Kreml zusammenbraute, erschien wichtig. Was die andere Seite anging, galtfür uns die beruhigende Formel: Im Westen nichts Neues. Sie galt, aber sie gilt nicht mehr.

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Neuerdings gibt es viel Neues im Westen. Und wie schnell das Neue durch das Allerneueste überholt und damit auch sogleich zum altgewohnten wird, zeigt folgendes: Gerade zwei Monate ist es her, daß der amerikanische Außenminister Dulles in Washington erklärte, es könnte sein, daß die Westmächte nötigenfalls mit sowjetzonalen Stellen als agents der Sowjetunion verhandeln würden. Die Bonner Chronik berichtet, diese Nachricht sei damals wie ein Lauffeuer durch die Sitzreihen und Wandelgänge des Bundestages gelaufen. Eine Sensation. Zwei Monate ist’s her ...

Über unseren Kopf hinweg?

Was damals als Sensation erschien – heute gehört es gleichsam zum politischen Tagesgespräch: als ein kleiner Bestandteil jener großen diplomatischen Gedankenmaschine, die (nach einem hierzulande jetzt sehr beliebten Ausdrucksklischee) seit kurzem „in Bewegung geraten“ ist. Wie denn überhaupt, was die neue Aktivität im State Department anlangt, die Spekulationen, die düsteren Andeutungen und die allzu eiligen Verdächtigungen nur so durch die Luft schwirren. Daß die Politiker am Potomac sich über unseren Kopf hinweg (und auf unsere Kosten) mit den Politikern an der Moskwa einigen könnten, um das leidige mitteleuropäische Problem endlich aus der Welt zu schaffen, dies ist die Befürchtung, die den Tenor mancher Gespräche in Bonn bestimmt.

Was ist wirklich geschehen? Worin besteht das Neue, das sich im Westen anbahnt? Seit der plötzlichen und patzigen sowjetrussischen Berlin-Note, die eine Art Kulminationspunkt im Kalten Krieg darstellte, scheint bei den Männern, die die Außenpolitik der Vereinigten Staaten machen, die Entschlossenheit gereift zu sein, diesen Kalten Krieg nun mit allen diplomatischen Mitteln zu bekriegen und einen Ausweg aus der deutschen Sackgasse zu suchen. Dabei ist aber von vornherein dieses ganz klar: daß der Weg in eine Richtung sicherlich nicht führen kann: in die bisherige. So hieß es in Washington also Abschiednehmen von der alten, seit Jahren gültigen Forderung, daß freie Wahlen am Anfang einer jeglichen Entwicklung zur deutschen Wiedervereinigung stehen müßten.

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