Der Dichter im Café – das ist für Hermann Kesten ein Stück Selbstbekenntnis, eine über Jahrhunderte und Kontinente ausgedehnte Autobiographie. Er sitzt mit Casanova und Heinrich Heine, mit Swift, Dr. Johnson und Beau Brummel im Café, wie er mit Joseph Roth und Heinrich Mann tatsächlich dort gesessen hat. Wo immer und wann immer ein Autor an einem Kaffeehaustisch hockt, seine Feder über das Papier und seinen Blick über die vorbeiflanierenden Schönen von Rom, Paris oder Berlin gleiten läßt, da erwachen in Kesten brüderliche Gefühle. Das Café, so schwärmt er, sei seine Welt, sein Schreibzimmer, sein Acker. Sogar im leeren Café fühle er sich nicht einsam. Zu Hause dagegen – „zu Hause vergehen einem die Gedanken; und wer wagt ein wahres Wort in seiner eigenen Küche?“

Ein ungeheuer reiches Faktenmaterial wird vor uns ausgebreitet. Zum Teil ist es ein wenig altväterlich in Gespräche, manchmal sogar in „Gespenstergespräche“ eingeteilt, zum anderen Teil einfach additiv aneinandergereiht. Das sind dann die Augenblicke, in denen man am Café als der Wiege edler Prosa zu zweifeln beginnt. Doch selbst, wo er rein lexikalisch verfährt, bleibt Kesten ein graziöser Pedant. Ein Bonmot schlägt leichte Brücken. Eine Gedankenarabeske überrankt, was toter Stoff geblieben ist. Es gibt kostbare Sätze wie „Sogar pessimistische Schriftsteller lachen häufiger als Kinder, Kaufleute und Kellner oder: „Die freien Länder haben viele Fehler, unfreie Länder einen universalen: ihre Existenz“.

Und wie dankbar ist man, wenn der engagierte Schriftsteller Kesten die zarte Faust zeigt und einen Passus hinsetzt wie diesen: „Ich werde mich nebenan ins Café Flore setzen und im Schwarm der außer Rand und Mode gekommenen Existentialisten, zwischen den Doppelgängern von Sartre und Camus, einen Aufsatz über jene europäischen Schriftsteller schreiben, die erst nach dem Massaker von Budapest, nach dem Aufstand kommunistischer Schriftsteller gegen eine kommunistische Diktatur anfingen, gegen die totale Tyrannei von Moskau zu protestieren; ihr politisches Gewissen braucht Massaker, es sind sehr schläfrige Gewissen. Moses erkannte den Jehova im Säuseln eines Windes. Diese Literaten fühlen menschlich erst, wenn Völker untergehen; erst bei künstlichen Monden und Katastrophen erwachen sie.“

Natürlich hütet Kesten sich, beim Thema zu bleiben. Täte er’s, er wäre verloren. Denn die Fiktion von der großen Kaffeehaus-Literatur – so amüsant sie scheint und mit so schelmischer Rabulistik sie vorgetragen wird – ist ernsthaft kaum aufrechtzuerhalten. Kesten weiß das, und deshalb hält er die Grenzen wohlweislich unscharf. Er baut den literarischen Salon mit in seinen Kaffeehaus-Kosmos ein. Aber auch das ergäbe noch kein rechtes literarisches Weltgebäude, und so schweift er nach allen Richtungen ab und aus. Aus der Geschichte des literarischen Cafés wird unversehens eine komplette Literaturgeschichte, in welcher der moralsüchtige Verfasser seine Autoren um so schlechter behandelt, je erfolgreicher sie sind.

Was haben Goethe, Hermann Melville oder Thomas Mann mit Dichtung im Café zu tun? Gar nichts. Doch Hermann Kesten häuft Namen auf Namen. Die Schimäre der geselligen Literatur ist ihm das wert. Und da ja auch der ärgste Einsiedler unter den Poeten dann und wann mit einem anderen gesprochen hat, gibt es schließlich kaum einen illustren Geist, der sich hier nicht wiederfände. Fast atmet man auf, wenn man feststellt, daß einige – so Paul Valéry, Garcia Lorca, Montherlant und Ernst Jünger – dennoch der liebenswürdigen Lockung widerstanden haben.