Am 23. Mai 1959 begeht eine weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannte Persönlichkeit ihren 70. Geburtstag: Ernst Niekisch. Er war immer ein Revolutionär, als Publizist wie als Politiker. Davon legen seine vor kurzem veröffentlichten Lebenserinnerungen, die unter dem Titel „Gewagtes Leben“ erschienen sind, Zeugnis ab. Zu dem Umkreis seines Lebens zählten Ernst Toller und Erich Mühsam genauso wie Ernst und Friedrich Georg Jünger. Er korrespondierte mit Theodor Haecker und hatte Kontakt mit Ewald von Kleist-Schmenzin.

Aus einer hart durchlebten Jugend erwuchs ein Denker, der seine Intelligenz an Hegel und Marx schulte. Die Revolution von 1918 gab ihm dann Anlaß zur Tat: Niekisch wurde einer der bayerischen Umstürzler. Später wandte er sich nach Sachsen und wurde Herausgeber des „Widerstand“, einer Zeitschrift für die sozialistische Elite, zwar radikal, jedoch nicht „stur“. Zur gleichen Zeit traf Niekisch sich auch mit den Generalen der Reichswehr, mit Seeckt und Schleicher. Schließlich führte ihn sein Weg in das bolschewistische Rußland, in die Welt des Ostens und der radikalen Umwälzung der gesellschaftlichen Struktur des Abendlandes. So wurde er schon vor 1933 zu einem der schärfsten Antipoden Hitlers. Das zeigt seine 1932 veröffentlichte Flugschrift „Hitler, ein deutsches Verhängnis“.

1937 wurde Niekisch durch die Gestapo verhaftet, vor dem Volksgerichtshof wegen Hochverrats angeklagt und 1939 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Bis zum Kriegsende mußte er sein Leben in den Mauern des Zuchthauses von Brandenburg verbringen. Voll Stolz stellt Niekisch noch heute seinen Besuchern die Gegenfrage: „Gab es im Dritten Reich einen anständigeren Aufenthaltsort als das Zuchthaus?“

1945 vertauschte er den Kerker mit dem politischen Labyrinth von Berlin. Er setzte auf die Karten des Ostens und wurde Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin, bis er – infolge der langen Haftzeit nahezu erblindet – sein Lehramt verlassen mußte. Fortan widmete er sich der Niederschrift seines in Tat und Wort kühnen Lebens.

Außer seiner einzigartigen Frau, deren hingebungsvolles Leben auch den Spöttern Bewunderung abnötigt, sind wohl nur wenige Menschen alle Wege des Revolutionärs Ernst Niekisch mitgegangen. Aber, nur wenige politische Menschen der letzten Jahrzehnte sind von ihm ganz unberührt geblieben. Und sein Charakter hat noch jeden Eingeweihten zur Anerkennung gezwungen, der sah, daß es in Hitlers Zeit einen Ernst Niekisch gab, der ihm nicht nachgab. Das sollte in Deutschland weder heute noch in Zukunft vergessen werden – weder auf der Rechten hoch auf der Linken. Fabian von Schlabrendorff