M. C., Leopoldville, im Juli

Wird sich der Belgische Kongofriedlich dem Ziel seiner Unabhängigkeit nähern? Oder kommt es dort – wie bei den Unruhen im Januar – zu neuem Blutvergießen? Die nächsten Wochen schon mögen die Entscheidung darüber bringen.

Fünfundsiebzig Jahre lang haben die Belgier patriarchalisch über das riesige Gebiet im westlichen Zentralafrika geherrscht. Gewiß, von dem ungeheuren Reichtum des Landes – eines der Hauptlieferanten von Kobalt, Kupfer, Diamanten und neuerdings Uran – fiel dabei vieles auch für die Kongo-Einwohner ab. Sie haben heute von den afrikanischen Völkern wohl den höchsten Lebensstandard; 26 000 Schulen garantieren jedem von ihnen wenigstens eine Grundschulausbildung, die Arbeiter stehen ferner unter dem Schutz einer recht fortschrittlichen Sozialgesetzgebung. Politisch ist die Kolonie indes weit zurückgeblieben. Auf diesem Felde haben die 13 Millionen Kongolesen so gut wie keine Erfahrung – selbst den 120 000 weißen Siedlern war ja bis vor kurzem jegliches Mitspracherecht verwehrt. Erst im Dezember 1957 erlaubten die Belgier wenigstens den vier größten Kongo-Städten, ihre Gemeinderäte zu wählen.

In der Hauptstadt Leopoldville kam damals die extremistische Abako-Bewegung ans Ruder, eine Vereinigung des 800 000 Menschen zählenden Bakongo-Stammes. Ihr Führer Joseph Kazavubu, der 42jährige Enkel eines chinesischen Kulis, wurde Bürgermeister. Als vor einem halben Jahr die Unruhen ausbrachen, wurde Kazavubu verhaftet und seine Bewegung verboten.

Inzwischen ist die Abako stillschweigend wieder zugelassen worden, und Kazavubu befindet sich auf freiem Fuß. Der Schock, der von den Unruhen ausging, hat in Brüssel zur Verkündung einer neuen Kongo-Politik geführt, die nach König Baudouins Worten ohne unnötige Verzögerung, aber auch ohne Überstürzung verwirklicht werden soll. Wahlen, Nichtdiskriminierung zwischen Weiß und Schwarz und schließlich die Unabhängigkeit – das sind die Hauptpunkte des neuen Programms. Mit der Unabhängigkeit ist vielleicht schon nächstes Jahr, auf jeden Fall aber im Jahre 1961 zu rechnen. Und noch vor Ende dieses Jahres sollen die ersten Parlamentswahlen stattfinden. Die drei großen afrikanischen Parteien rüsten sich (neben rund 100 kleineren Gruppierungen) für den Wahlkampf.

Fast alle Parteien der Eingeborenen stützen sich auf Stammesvereinigungen. Das erklärte Ziel der Aboko ist die Gründung einer vom übrigen Kongo losgelösten Zentralen Kongorepublik. Drei Millionen Menschen möchte Kazavubu in dieser Republik ansiedeln, zu deren Gebiet auch die gegenwärtige Hauptstadt Leopoldville und alle Häfen des Kongo gehören würden.

Die beiden anderen Parteien sind die Nationale Kongo-Bewegung und die Kongolesische Einheitspartei. Die Einheitspartei, an deren Spitze M. Essanja steht, wird von den belgischen Siedlern unterstützt, die Nationale Kongo-Bewegung hingegen von der belgischen Sozialistischen Partei. Ihr Führer Patrice Lumumba gehört dem letztes Jahr in Accra gegründeten Panafrikanischen Kongreß an. Er hat einen Plan ausgearbeitet, wonach der Kongo schön im Juni 1960 eine provisorische Regierung erhalten soll.