Von Günter Blöcker

Das Zarte, wenn es nicht zugleich das Gefühlsmäßige ist, hat es schwer in Deutschland. James Joyce imponiert durch intellektuelle Rücksichtslosigkeit, Marcel Proust überwältigt durch vegetative Fülle. Was aber hat Virginia Woolf, die Zauberin von Bloomsbury, einer auf handfeste Stofflichkeiten erpichten Leserschaft zu bieten?

Der S. Fischer Verlag, der unverdrossen an der deutschen Ausgabe der Gesammelten Werke Virginia Woolfs arbeitet, hat diese Frage im Laufe der letzten Jahre in behutsamer Steigerung zu beantworten gesucht. Auf den sich noch in Galsworthy-Nähe bewegenden Roman „Die Jahre“, mit dem die Ausgabe begann, ließ er die beiden Meisterwerke „Mrs. Dalloway“ und „Die Fahrt zum Leuchtturm“ folgen; und erst jetzt, nach soviel vorsichtiger Einstimmung, wird der interessierte Leser mit dem Werk bekannt gemacht, in welchem sich Virginia Woolfs Wille zur neuen Erzählform am konsequentesten offenbart:

Virginia Woolf: „Die Wellen“, Roman, Übersetzung von Herberth und Marlys Herlitschka; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.; 294 S., 16,80 D-Mark.

„Mrs. Dalloway“ konnte man noch, wenn auch wenig berechtigt, als eine Art Gesellschaftsroman lesen. Bei der Lektüre der „Wellen“ wird auch dem verstocktesten Konservativen klar, daß es hier um einen neuen Wirklichkeitsbegriff geht, für den die Verfasserin eine angemessene Technik zu entwickeln sucht. Es ist eine aufgelöste, fluktuierende Wirklichkeit, die Virginia Woolf erlebt und die sie wiedergibt. Der Mensch steht im farbigen Regen der Impressionen. Flutwellen der Erinnerung gehen über ihn hin. Natur und Dinge sprechen als Gleichberechtigte zu ihm. Eingesponnen in ein Netzwerk von Assoziationen, wird er zum Träger von Erfahrungen, die über das Ich und über den Augenblick hinausgreifen.

Was er dabei einbüßt, ist die Schärfe der persönlichen Kontur. Was er gewinnt, ist die Weite jenes lyrischen Allgefühls, das Virginia Woolf in die erzählende Prosa eingeführt hat. Wobei der Begriff „Gefühl“ angesichts der kühlen Ekstasen dieser Engländerin nicht in seiner Vulgärbedeutung zu verstehen ist, sondern als ein aufs höchste entwickelter und verfeinerter seelischer Tastsinn. So wenig wie Proust geht es Virginia Woolf um Stimmungsmalerei, ja nicht einmal um die Sichtbarmachung einer Innenwelt, sondern darum, das Instrumentarium für eine reichere Daseinserfahrung bereitzustellen, als der traditionelle Roman es getan hatte.

„Leben“, so stellt die Autorin in einem ihrer Essays fest, „ist ein leuchtender Schein, eine schwach durchlässige Hülle, die uns umgibt vom Augenblick des Bewußtwerdens bis zum Ende.“ Sich dieser Art von Leben zu bemächtigen, auf direktem Weg, ohne den Ballast des „Fremden und Äußerlichen“, sei die Aufgabe, des Romanciers. „Laßt uns die Atome registrieren, wie und in welcher Reihenfolge sie auf unser Gemüt eindringen, laßt uns jener Verbindung von Eindrücken nachspüren, so unzusammenhängend und sinnlos sie auch sein, mag, die jeder Augenblick oder Zwischenfall im Bewußtsein formt.“