Mit dem vor wenigen Tagen bekanntgegebenen Abschluß eines neuen Vertrages zwischen Ägypten und dem Sudan über die Verteilung des Nilwassers ist ein jahrzehntealtes Problem, das die Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern erheblich störte, zweifellos der Lösung einen großen Schritt näher gebracht worden. Aber ist es damit wirklich aus der Welt geschafft? Solange nicht auch Äthiopien und Großbritannien der neuen Regelung zugestimmt haben, muß man diese Frage verneinen; denn die beiden Staaten sind ebenfalls Anlieger dieses Flusses. Beide haben denn auch schon Ansprüche auf das ihnen gebührende Nilwasser geltend gemacht.

Vor allem Äthiopien hat hier zweifellos ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen. Schon wenige Tage nach der ersten Bekanntgabe des von der Sowjetunion vor rund einem Jahre bereitgestellten Kredits für den Bau des Hochdammes von Assuan sagte der abessinische Kaiser Haile Selassie in einem Interview am 29. Oktober 1958: „Man darf nicht vergessen, daß die Quellen des Blauen Nils in Äthiopien liegen und daß sie dem Fluß zu 80 v. H. das Wasser liefern. Wir Äthiopier haben auch unsere Pläne und unsere Projekte für den Bau von Staudämmen und die Nutzung des Nilwassers für die Bewässerung und die Stromerzeugung. Das muß klar sein. Es wäre ein großer Fehler, wenn man uns vergessen würde.“

In der Tat wäre es für Haile Selassie ein leichtes, durch den Bau eines oder mehrerer Staudämme dem Nebenbuhler in Kairo den Wasserhahn abzudrehen.

Auch die äthiopische Regierung hegt kühne Industrialisierungspläne,die das Land aus seinem jahrhundertelangen Schlummerzustand erwecken sollen. Ein im Jahre 1957 in Angriff genommener Fünfjahresplan sieht Gesamtinvestitionen im Ausmaß von 677 Mill. äthiopischen Dollar (rund 270 Mill. US-Dollar) vor, wovon ungefähr ein Drittel aus dem Ausland kommen sollten. Im Rahmen dieses Fünfjahresplans spielt die Steigerung der Elektrizitätserzeugung eine überragende Rolle. Es wäre technisch wie finanziell verhältnismäßig einfach, die großen Fälle des Blauen Nils zwischen dem Tana-See und der Hauptstadt Äthiopiens, Addis Abeba, für den Betrieb eines riesigen Kraftwerks auszunutzen.

Ähnlich wie Präsident Nasser hat auch Kaiser Haile Selassie zuerst versucht, die für sein Entwicklungsprogramm notwendigen Gelder im Westen zu bekommen – aber auch er hatte damit wenig Erfolg. So ergab es sich zwangsläufig, daß der christliche und konservative Monarch, der dem Kommunismus mit Bestimmtheit nicht gewogen ist, seine hilfesuchenden Blicke nach dem Osten richtete. Im vergangenen Sommer machte der Kaiser einen vierzehntägigen Besuch in der Sowjetunion und anschließend auch noch in der Tschechoslowakei. Diese diplomatische Geschäftsreise wurde ein Erfolg. Die Sowjets gewährten der äthiopischen Regierung einen Kredit von 400 Millionen Rubel (100 Mill. US-Dollar nach amtlichem Kurs). Damit ist praktisch die ganze Tranche der Fünfjahresplan-Finanzierung, die auf das Ausland entfallen sollte, gesichert.

Für Nasser war dieser Sowjetkredit an Äthiopien ein höchst unbehagliches Menetekel. Er entspricht nicht nur in seiner Höhe genau dem von Moskau für den Hochdamm von Assuan zur Verfügung gestellten Kredit, sondern er dürfte auch zum großen Teil für den gleichen Zweck, nämlich für den Bau eines Staudammes und eines Elektrizitätswerkes am Blauen Nil verwendet werden.

Auch England hat kürzlich sein Interesse an einer für alle Parteien befriedigenden Nilwasserverteilung kundgetan. In Noten an die ägyptische, sudanesische und äthiopische Regierung hat das Foreign Office nachdrücklich auf den Wasserbedarf der britisch beherrschten Territorien Kenya, Uganda und Tanganjika hingewiesen. Allerdings steht den Engländern kein vergleichbares Druckmittel zur Verfügung, um ihre Ansprüche geltend zu machen. Denn wenn auch einer der beiden Quellflüsse des Nils, der sogenannte „Weiße Nil“, aus dem Viktoria-See im britischen Protektorat Uganda kommt, so ist doch die von ihm geführte Wassermenge im Gegensatz zu der des „Blauen Nils“ von ganz untergeordneter Bedeutung.