Von Friedrich Diirrenmatt

Noch einmal Schiller? Nein eigentlich nicht. Obwohl ein glücklich überstandener Geburtstag nicht Veranlassung zu sein brauchte, den groß Gefeierten nun mal wieder fünfzig Jahre lang zu vergessen. Und „groß gefeiert“ wurde er ja. Alles, was in der Welt des Theaters oder der Schillerdeutung Rang und Namen hat, redete irgendwo: Carl Zuckmayer auf der prominentesten Veranstaltung, in Marbach – Gerhard Storz in Frankfurt – Benno von Wiese in Bonn – der Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Holtzhauer, sowie der Abteilungsleiter im Ostberliner Kulturministerium Seidel in Weimar – Rudolf Hagelstange in Hamburg – schließlich, last but certainly not least, Friedrich Dürrenmatt in Mannheim. Auf dem Mittelteil von Dürrenmatts Mannheimer Schiller-Rede (die im Verlag der Arche, Zürich, erscheinen wird) beruhen die nachfolgenden Betrachtungen, die mehr als schiller-reden-üblich über den Gegenstand hinausweisen und in gewohnt Dürrenmattisch-unorthodoxer Form die Frage stellen: Was geht das uns an? Um dieser Fragestellung willen hoffen wir, niemanden zu langweilen, wenn wir, nach all dem Schiller, hier doch noch einmal (unter anderm auch) über Schiller reden.

Schiller Ist ein gar zu unbequemer Gegenstand, ein leider auch hochpolitischer Fall. Es dürfte klar sein, daß ich mit meiner Auslegung des naiven und sentimentalischen Theaters (an die hier angeschlossen wird) scheinbar Schiller verfehlt und Brecht getroffen habe, der ja überhaupt, sieht man genauer hin, in vielem mit Schiller zu vergleichen ist. Auch in freundlichen Zügen, etwa in der Neigung, bisweilen unfreiwillig komisch zu wirken. Es ist bei beiden manchmal so, als ob Friederike Kempner mitdichte: „Ehret die Frauen, sie flechten und weben! Aus fuhr das Geschlecht der Agronomen.“

Brecht stellt die extremste Form des „sentimentalischen“ Dichters dar. Er verließ das Stadium der Rebellion, um durch sein Theater die Gesellschaft zu verändern. Er wurde Kommunist, wir wissen es.

Doch muß ich hier etwas Selbstverständliches einschieben. Brechts Weltanschauung mag für viele schmerzhaft sein, für viele ärgerlich. Doch darf sie nicht als eine bloße Verirrung, als eine Nebensache behandelt werden. Sie gehört wesentlich zu Brecht, sie ist ebensowenig eine zufällige Eigenschaft seiner Werke wie ihre Bühnenwirksamkeit, ihre dichterische Präzision, ihre dramaturgische Kühnheit und nicht zuletzt wie ihre Menschlichkeit. Brechts Leistung zwingt uns, seinen Kommunismus sachlich zu betrachten, ihn aufs neue auf seine Wahrheit hin zu untersuchen.

Wir dürfen keine Ausflüchte machen. Zugeben, was zuzugeben ist: Brechts Dichtung ist eine Antwort auf unsere Welt, auf unsere Schuld, eine der wenigen ehrlichen Antworten auf unsere Phrasen, eine Darstellung dessen, was wir unterlassen haben, auch wenn es eine kommunistische Antwort ist. Wir müssen uns mit ihm auseinander-, setzen.

Als Gespenst unserer Furcht hat uns der Kommunismus längst gelähmt, wir sind in Schrecken erstarrt, so wie wir als Gespenst seiner Furcht ihn längst gelähmt haben. Versteinert sind wir beide. Was aber von seiner Seite aus natürlich ist, weil er doch eine Ideologie darstellt, die an sich, aus ihrer Natur heraus, zu keinem Dialoge fähig sein kann, ist von unserer Seite unnatürlich. Wir können mit dem Kommunismus einen echten Dialog führen, er nicht mit uns. Wir können ihn überwinden, indem wir ihn furchtlos betrachten, immer aufs neue durchdenken, seine Wahrheit von seinem Irrtum scheiden er vermag weder uns noch sich selber furchtlos zu betrachten.