Bräutigams Orden
Es war einmal ein Kriegstagebuch, und dieses Kriegstagebuch erregte nicht nur literarisches Kopfschütteln. Als Verfasser bekannte sich Dr. Otto Bräutigam, damals Leiter der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes zu Bonn.
Der Stein des Anstoßes war nach dem Krieg ins Rollen gekommen durch einen Brief, den Bräutigam in dem für ihn (laut Tagebuch) recht hübschen Jahr 1941 als Beamter im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete zum Thema „Judenfrage“ geschrieben hatte. Außenminister von Brentano beurlaubte seinen Mitarbeiter, ein zweijähriges Untersuchungsverfahren rehabilitierte Dr. Bräutigam. Darauf wurde er Generalkonsul im fernen Hongkong. Dort aber ereilte ihn dieser Tage eine der höchsten Ehren, die unsere Bundesrepublik Deutschland zu vergeben hat: das Große Verdienstkreuz.
Dieser Tage... Im Blätterwald rauscht die Entrüstung über die antisemitische Welle; namentlich aus Bonn erschallt so mancher notwendige, ehrlich gemeinte Ruf. Aber ein tiefer, sicherlich unschuldiger Dornröschenschlaf im Amt des Bundespräsidenten hinderte die ehrenzeichen-vorschlagenden Beamten, auf die unbequemen Zeichen der Zeit zu achten.
Es war einmal ein Gefühl für Takt...
Thilo Koch
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