Über die Zukunft der asiatischen Religionen in Europa

Von Gerhard Szczesny

Der große Erfolg von Gerhard Szczesnys Buch über „Die Zukunft des Unglaubens“ (vgl. die ZEIT Nr. 49(1958) hat bewiesen, daß es offenbar weitaus mehr Unbehagen am christlichen Glauben gibt, wir Christen es uns oder anderen gern eingestehen. Er hat andererseits auf teilen der christlichen Kirchen sehr viel mehr Bereitschaft, über die Dinge zu reden, gezeigt, als die Kritiker dieser Kirchen erwartet hatten: Szczesny wurde von Studenten, von Rundfunkanstalten, vor allem aber auch von den Evangelischen Akademien eingeladen, seine Argumente vorzutragen und zu diskutieren. Der folgende Artikel will verstanden werden als ein Beitrag zu solchen Diskussionen, die all denen, welche die Freiheit der Rede als unentbehrlichsten Bestandteil dieses großen, vieldeutig schillernden Begriffes „Freiheit“ verstehen, nur erwünscht sein können. An ihnen wollen wir daher auf jeden Fall festhalten.

Der Mensch, ist ein religiöses Wesen, Wenn sein eingeborenes Bedürfnis nach einer befriedigenden Sinngebung der irdischen und kosmischen Zusammenhänge verkümmert, kommt es zu schweren Fehlentwicklungen des einzelmenschlichen und des gesellschaftlichen Lebens. Die neuere Geschichte des Abendlandes zeigt, daß ein sich immer stärker bemerkbar machendes und immer mehr Menschen erfassendes Unvermögen, die christliche Heilslehre intellektuell, emotional und existentiell nachzuvollziehen, eine Epoche des Materialismus und der Oberflächlichkeit, der Betriebsamkeit und der Zerstreuungssucht, der Rücksichtslosigkeit und des Zynismus heraufgeführt hat. Da ich keine Anzeichen dafür sehen kann, daß es den christlichen Kirchen gelingen könnte, das verlorene Glaubensterrain wieder zurückzuerobern, stellt sich mir die Frage, ob jenem verhängnisvollen Prozeß dann nicht vielleicht durch die Überzeugungskraft anderer Heils- und Lebenslehren Einhalt geboten werden könnte.

Welche im Christentum offenbar nicht gegebenen Voraussetzungen müßte eine Religion erfüllen, um das Glaubensbedürfnis des zeitgenössischen Menschen wieder zu wecken?

Wenn ich die Dinge richtig sehe, müßte dieser Religion zunächst und vor allem eine monistische und dynamistische Metaphysik zugrunde liegen, ihre Lebensphilosophie müßte humanitär, ihre Individual-Moral personalistisch und ihre Sozial-Moral. demokratisch sein. Sie müßte den Willen zur Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung ansprechen und einem vernunftgemäßen Weltverständnis ebenso Raum geben wie einer sinnlichen und einer kontemplativen Daseinserfassung. Alle diese verschiedenen Weisen. Wirklichkeit zu erfahren, müßten, einen Kosmos von dialektisch ineinander verschränkten Sphären bilden und ein sich kontinuierlich vom Begreiflichen zum Unbegreiflichen hin entfaltendes Weltbild möglich machen. Diese hypothetische Religion müßte sodann wirklich eine „Religion“, das heißt eine auch institutionell und kultisch in Erscheinung tretende Heils- und Lebenslehre sein. Nur in einer kirchlichen Form könnte sie als Alternative zum Christentum wirksam werden.

Wie stünde es unter solchen Umständen mit den Chancen der asiatischen Religionen, in Europa Fuß zu fassen? Unsere Überladungen können wir auf den Islam, den Hinduismus und den Buddhismus beschränken.

Die Lehre Mohammeds ist eine höchst prägnante, aktive und missionarisch erfolgreiche Gesetzes-Religion. Sie vertritt jedoch wie das Christentum eine dualistische und statische Metaphysik, ergibt also keine Gegenposition. An philosophischer und psychologischer Einsicht und an allgemein kultureller Potenz ist der Islam überdies dem abendländischen Christentum unterlegen. Die strenge Klarheit seines Monotheismus und die festumrissene, praktikable Ordnung seines rituellen und sittlichen Pflichtenkanons wären Vorzüge nur für jene europäischen Völker, die gerade erst aus den seelischen und sozialen Bindungen einer archaischen Kulturstufe heraustreten. Es wäre also durchaus möglich, daß der Islam in den zivilisatorisch noch unerschlossenen Randgebieten des Abendlandes hier und dort noch einmal Bedeutung gewinnt, aber seine eigentliche Zukunft liegt in den asiatischen und afrikanischen Entwicklungsländern.

In dem jetzt unaufhaltsam in Bewegung geratenen afrikanischen Kontinent könnte er die Hochreligion des schwarzen Mannes werden, dessen Seelenlage ein strenger Monotheismus und eine schlichte Pflichtenlehre gewiß eher entspricht, als das metaphysisch komplizierte und der Lebensunbefangenheit ermangelnde Christentum.

Der Hinduismus

Welche Aussichten hat der Hinduismus? Seitdem die ersten Nachrichten über die Heiligen Schriften der Inder nach Westen drangen, hat die Gedankenwelt der Veden und des Mahabarata einen tiefen und nachhaltigen Einfluß auf die europäische Philosophie und Literatur ausgeübt. Gewisse metaphysische Grundüberzeugungen des Hinduismus kamen und kommen dem durch das Christentum verschütteten, aber doch nicht völlig verlorengegangenen Weltbild und Lebensgefühl des vorchristlichen Europas entgegen. Dennoch dürften die Chancen des Hinduismus in Europa gering sein. Er ist zu universalistisch, synkretistisch und spiritualistisch, als daß sich an ihm die Glaubensfähigkeit von Menschen wieder entzünden könnte, die einer zwar undogmatischen, aber doch klar formulierbaren religiösen Neuorientierung bedürfen. Sobald man die hinduistische Philosophie aus der indischen Denktradition herauslöst, führt die ihr eigene Tendenz, sich alle Wahrheiten als Teilwahrheiten einzuverleiben, zu einem seichten Pansophismus und Humanitarismus. Als Volksreligion schließlich ist der Hinduismus viel zu „exotisch“, um exportierbar zu sein.

Der Buddhismus

Ernsthafte Aussichten für eine Verbreitung in Europa kann der Verfasser dieses sehr summarisch angelegten Überblicks nur dem Buddhismus zubilligen. Buddha hat eine Religion gestiftet, die in wesentlichen Teilen die oben genannten Voraussetzungen erfüllt. Der Buddhismus ist monistisch und dynamistisch. Er kennt keine Offenbarung und keine Dogmen, sondern verheißt Erkenntnis und Erlösung nur als Frucht kritischer Prüfung und persönlicher Bemühung. Soweit die Wirklichkeit erkennbar und beschreibbar ist, begreift er sie als ein rationales Phänomen, soweit sie sich der Beschreibung entzieht, als ein Objekt der intuitiven und mystischen Erfahrung, wobei alle Erkenntnisweisen und Erkenntnissphären einander bedingen. In der Person seines Stifters besitzt der Buddhismus einen Kristallisationspunkt, der nicht nur alle seine Schulen und Richtungen zusammenbindet, sondern vor allem auch die Entfaltung jener die Frömmigkeit ansprechenden kultischen Formen ermöglicht, ohne die eine Religion nicht lebensfähig ist. Selbst in den Ländern der „reinen Lehre“ ist die Verehrung des Buddha bis heute Quelle echter Volksgläubigkeit. Für einen europäischen Buddhismus ist die Gestalt des indischen Fürstensohnes, der die Lehre von der Leidensentstehung und Leidensaufhebung verkündete und zur Verkörperung letzter menschlicher Souveränität und Weisheit geworden ist, von gar nicht zu überschätzender psychologisch-pädagogischer Bedeutung. Ihn dem Verständnis der Europäer nahezubringen, dürfte wesentlich leichter sein, als es seinerzeit die Verpflanzung des aus einem kulturell wesentlich fremdartigeren Milieu stammenden Jesus von Nazareth war.

Einer erfolgreichen Mission des Buddhismus in Europa steht eigentlich nur ein Hindernis entgegen: seine negative Lebensphilosophie. Nun bin ich der Überzeugung, daß die dem Buddhismus einerseits auf die ja auch dem Christentum eigene (mit der Entstehungszeit und Entstehungssituation der Hochreligionen überhaupt zusammenhängende) Geschichtsblindheit, andererseits auf die den Passivismus fördernde tropische Natur Indiens zurückzuführen ist. Prinzipiell halte ich weder die buddhistische Metaphysik noch die buddhistische Erlösungslehre für unvereinbar mit einer positiven Bewertung der irdischen Dinge. Es scheint mir ohne weiteres möglich, etwa aus der Lehre vom Mittleren Weg, aus dem Bodhisattva-Ideal des Mahayana oder aus dem Realismus des Zen eine buddhistische Lebensphilosophie zu entwickeln, die nicht nur dem weltzugewandten, wissenschaftlich und politisch engagierten Temperament des Europäers, sondern der weltgeschichtlichen Situation überhaupt angemessen ist, Die Frage nach einer Sinngebung und Ordnung des Lebens, das der Mensch nun einmal unter Menschen zu verbringen hat, bedarf einer Antwort auch für die buddhistischen Länder selbst. Und es gibt heute in allen diesen Ländern Anzeichen dafür, daß auch die religiösen Führer diese Frage sehen und sie zu lösen suchen.

Um in Europa Fuß zu fassen, müßte der Buddhismus noch eine Reihe anderer Bedingungen erfüllen. Wir haben die Botschaft des Erhabenen zunächst nur als dürre Weltanschauungslehre und asketischen Moralismus kennengelernt und begegnen ihr heute als einer Art Geheimwissenschaft für literarische Snobs. Der traditionelle europäische Buddhismus hat sich zu ausschließlich an den orthodoxen Theravada gehalten und erreichte daher nur eine kleine Schicht des dem Rationalismus des 19. Jahrhunderts verhafteten Bildungsbürgertums. Für die große Masse war die klassische Lehre viel zu abstrakt und für die abendländische Intelligenz nicht komplex genug.

Der Zen wiederum, dem der Buddhismus gegenwärtig sein europäisches Renommee verdankt, kommt zwar gewissen sehr subtilen philosophischen und literarischen Entwicklungen im Westen entgegen, ist aber kaum geeignet, den Buddhismus als Religion durchzusetzen. Wahrscheinlich wäre dies nur von einer buddhistischen Mission zu leisten, die alle wesentlichen Ausprägungen des Buddhismus zugleich vertritt und damit die Möglichkeit bietet, sich jeweils einer den persönlichen Interessen und Bedürfnissen besonders entsprechenden Schule anzuschließen. Nur ein solcher ökumenischer und pluralistischer Buddhismus ergäbe dann auch ein Lehrgebäude, aus dem wirklich eine Kirche hervorgehen könnte.

Und damit kommen wir zum letzten Gesichtspunkt: Der Buddhismus dürfte nicht nur als weltanschauliche Zirkelbildung, als Sekte oder als literarische Mode, er müßte unmißverständlich als kirchliche Organisation auftreten. Er müßte von modernen europäischen Architekten Tempel und Klöster bauen lassen, und er dürfte sich auch nicht scheuen, einen dem Gefühl und Geschmack des zeitgenössischen Europäers angemessenen Buddha-Kult auszubilden. Trotz ihrer zur Schau getragenen Sachlichkeit ist auch in den Angehörigen der westlichen Zivilisation der Wunsch, zu verehren, keineswegs erstorben, sondern nur durch das dem aufgeklärten Menschen widerstehende okkulte Ritual des Christentums verdrängt worden. Eine große Faszination könnte vom klösterlichen Ideal, wie es der Buddhismus versteht, ausgehen. Der Europäer ist längst auf der Flucht vor der zerstörerischen Betriebsamkeit des öffentlichen, beruflichen und auch privaten Lebens, ohne doch einen Ort zu kennen, an dem er zur Ruhe und Besinnung kommen könnte. Ein solcher Ort wäre das buddhistische Kloster, das den einzelnen – wie heute noch in Burma oder Thailand – immer wieder für kurze oder längere Zeit aufnimmt. In diesem Rahmen könnten dann unter anderem auch den wild wuchernden Meditations- und Yogabedürfnissen des westlichen Menschen eine sinnvolle und systematische Pflege zuteil werden. Daneben müßte der Buddhismus selbstverständlich Akademien gründen, Tagungen durchführen, Bücher und Zeitschriften herausgeben und sich aktiv in die politische, kulturelle und philosophische Diskussion einschalten.

Was seine Stellung zu den christlichen Kirchen anbetrifft, so hätte der Buddhismus seine Botschaft ohne den geringsten antichristlichen Akzent zu verkünden. Er wird sich zweifellos gegen vielerlei Diskriminierungen und Behinderungen seiner Tätigkeit durch die Öffentlichkeit und durch staatliche und kirchliche Organe zur Wehr zu setzen haben. Deshalb aber dürfte er doch niemals vergessen, daß es nicht sein Ziel sein kann, Christen zu Buddhisten zu machen, sondern denen eine religiöse Heimat zu bieten, die eine solche im Christentum nicht finden.

Alle diese Überlegungen bleiben natürlich müßige Spekulationen, wenn der Buddhismus nicht genügend missionarische Leidenschaft und organisatorische Kraft aufbringt, um seine Chancen in Europa zu erproben. Sollte dies jedoch einmal der Fall sein, sage ich ihm eine neue Blüte und eine große Zukunft voraus.