Der aktuelle Shakespeare

Mannheim tat recht, den „Kaufmann von Venedig“ abzusetzen

Hans Schüler, der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters, hat sich einen Tadel durch den Westdeutschen Rundfunk zugezogen. Nach dem Programm der Bühne, das vor vielen Monaten aufgestellt worden ist, wäre für April 1960 Shakespeares Kaufmann von Venedig“ einzustudieren gewesen.

Inzwischen erregte aber eine Welle judenfeindlicher Demonstrationen nicht nur die deutsche Öffentlichkeit. Und deshalb hat sich die Intendanz entschlossen, jene Shakespearesche „Komödie“, in deren Mittelpunkt der Jude Shylock steht, jetzt nicht aufzuführen. Zusätzlich wurde ein ursprünglich nicht vorgesehenes Stück, die Passion eines jüdischen Lehrers und seiner von den Nazis dem Gastod überantworteten Schützlinge („Korczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus), in den Mannheimer Spielplan eingefügt. Dennoch hat ein Kommentator des WDR in der täglichen Sendung „Auf ein Wort“ Anstoß genommen und die Absetzung einer klassischen Dichtung als Zurückweichen des Theaters vor dem Antisemitismus gerügt.

Anzeige

Der „Fall“ ist des Nachdenkens wert. Eine der frühesten Nachkriegsaufführungen des „Kaufmanns von Venedig“ fand in Bochum statt. Daß es für deutsche Zuschauer ein heikles Stück sei, wurde damals noch allgemein empfunden. Denn mit Hilfe der Shylock-Gestalt ist während des Dritten Reiches antisemitische Propaganda betrieben worden. In Bochum bannten der Regisseur Hans Schalla und sein Shylock-Darsteller Hanns Ernst Jäger die in der Rolle lauernden Gefahren, indem sie den um sein Recht kämpfenden Juden als eine edle, in ihrer Menschenwürde tief verletzte Persönlichkeit interpretierten. Schalla und Jäger waren als Gäste auch für die Mannheimer Inszenierung vorgesehen.

Später, am Beginn der Spielzeit 1957/58, inszenierte Karl Heinz Stroux den „Kaufmann von Venedig“. Das geschah im Düsseldorfer Schauspielhaus. Diesmal spielte den Shylock ein berühmter Jude: Ernst Deutsch. Hier sah das Stück ganz anders aus. Zwar war durch die Regie auch hier der peinlichste Charakterzug von Materialismus getilgt worden: daß Shylock lieber den Tod der Tochter als den Verlust ihrer mitgenommenen Schätze ertrüge. Um so kräftiger wurden die Register der Rache gezogen. Vor dem Richter zog dieser Shylock die Fleischwaage aus dem Kaftan und wetzte in Erwartung des ihm zuzusprechenden Pfundes Christenfleisch schon das Messer an den Fußsohlen. Irr, gänzlich verständnislos starrten die Augen Deutschs ins Leere, als der Doge an des Juden Gnade appellierte. Sie ist im Alten Testament unbekannt, und Ernst Deutsch spielte Altes Testament.

Es war ein schauspielerisches Ereignis. Unvergeßlich, wie aus diesen alten Augen das Leid und das Wissen von Jahrtausenden sprachen. Sie konnten sogar lachen und strahlten fast gütig auf, als Deutsch-Shylock den vertrackten Vertrag um ein Pfund Fleisch bewußt als Scheinvertrag und als Versöhnungsgeste mit dem Christen Antonio abgeschlossen hatte. Aber dann, als Shylock von neuem durch Willkür gedemütigt worden war, da schoß das Pathos der Rache in die Gestalt – „Auge um Auge...“

Ich hatte am Tage nach jener Düsseldorfer Premiere Gelegenheit, mit dem inzwischen verstorbenen Regisseur Leo Mittler über seinen Eindruck zu sprechen. Mittler bewunderte den Schauspieler Deutsch, aber er sagte auch: „Mir ist das Ganze peinlich. So wie es gute und schlechte Christen gibt, so ist Shylock trotz allem, was sein Verhalten stellenweise verständlich macht, ein schlechter Jude.“ So Mittler.

Ich selber wunderte mich am meisten darüber, daß just Ernst Deutsch den Shylock, und daß gerade er – anders als Hanns Ernst Jäger – den Juden so spielte. Es war Deutschs dritte Düsseldorfer Judenrolle nach Lessings Nathan und dem Vater Frank im „Tagebuch der Anne Frank“ gewesen. Wer seinen weisen Nathan (auch im Fernsehen) gesehen hatte, dem schien in der Erzählung von seines Volkes Schicksal das ganze Leid der Judenschaft aus persönlicher Erfahrung des Schauspielers Gestalt angenommen zu haben. Und danach dieser hinreißend gespielte, aber gefährliche Shylock!

Service