Die unerläßliche Widerlegung eines Reinwaschungs-Versuches: (1) – Schon die Stoppuhr spricht gegen die Alleinschuld van der Lubbes

Von Hans Bernd Gisevius

Von eh und je beruht der Schluß, daß der Holländer van der Lübbe den Reichstag nicht allein in Brand gesteckt, sondern dabei Mittäter gehabt hat, auf der erwiesenen Tatsache: Von dem Augenblick an, wo er in das Reichstagsgebäude eindrang – am 27. Februar 1933 um 21.03 Uhr – bis zu dem Augenblick seiner Verhaftung um 21.25 Uhr, konnte ein Mann allein dieses riesige Feuer überhaupt nicht angelegt haben. Wie setzt sich der Spiegel mit dieser Behauptung, der Grundlage aller Erörterung, auseinander?

Nur höchst summarisch!

Es fehlt der These, die der niedersächsische Oberregierungsrat a. D. Fritz Tobias im Spiegel vertritt, das zentrale Beweisglied: eine minutiöse Zeitrechnung.

Der Eckstein dieser Rechnung sind zwei unbestrittene Uhrzeiten: Lubbes Einstieg in das Reichstagsgebäude um 21.03 Uhr und das Eintreffen des Verhafteten auf dem Polizeirevier am Brandenburger Tor um 21.30 Uhr. Das sind 27 Minuten. In diese 27 Minuten fallen indes die Durchsuchung des Verhafteten, eine erste Vernehmung an Ort und Stelle und der Weg aus dem brennenden Gebäude; zuletzt der Autotransport zur Polizeiwache: mindestens fünf Minuten. Die Verhaftung muß daher spätestens um 21.25 Uhr erfolgt sein – nicht erst um 21.27 Uhr, wie Tobias im Spiegel behauptet.

Der Hauptbrand – das ist ebenfalls unbestritten – wurde aber im Plenarsaal gelegt; dort entwickelte sich die Feuerkatastrophe. Wiederum wissen wir eine Uhrzeit, die sich einigermaßen genau feststellen läßt: der von einem zufälligen Passanten über die Polizeiwache alarmierte Polizeileutnant Lateit blickte Tobias zufolge um 21.22 Uhr zum erstenmal in den Plenarsaal. Wahrscheinlich aber war das schon um 21.21 Uhr. Obwohl Feuerschein den Saal erhellte, sah Lateit keinen Brandstifter; ebensowenig der ihn begleitende Wachtmeister Losigkeit. Lübbe hatte also den Schauplatz der wichtigsten Brandstiftung, den Plenarsaal, bereits verlassen – allerhöchstens 19, wahrscheinlich aber kaum 17 Minuten nach seinem Einstieg.

Nehmen wir Lübbe als den Alleintäter an, dann müssen wir also fragen: Wieviel Minuten konnte er von dieser sowieso schon äußerst knappen Spanne im Plenarsaal „gearbeitet“ haben?

Es hilft nichts, wir müssen nochmals dem Eindringling bei seinem wirren Umherlaufen kreuz und quer durch das im Dunkeln besonders unübersichtliche Gebäude nachspüren. Der Leser mag selber die Stoppuhr zur Hand nehmen...

Phase I: Irrlauf durchs Restaurant

21.03 Uhr. Nach seinem Einstieg rennt Lubbe, zunächst im Restaurant des Reichstages umher. Das ist ein riesiger Saal, in dem er augenscheinlich Schwierigkeiten hat, sich so schnell zu orientieren und geeignete Brandherde zu finden. Danach läuft er hinaus in die Wandelhalle, schlägt dort einige Haken, kehrt aber aus rätselhaften, nie aufgeklärten Gründen wieder in das Restaurant zurück. Er tastet sich hinter dem Schanktisch die Treppe hinunter zur Küche im Erdgeschoß, was recht merkwürdig für einen Brandstifter anmutet, der sich soeben überzeugt hat, daß die großen Brandobjekte oben an der Wandelhalle liegen müssen. Er hat dort unten allerhand Schwierigkeiten, bis er dieses planlose Herumrennen aufgibt, verscheucht wohl durch den Schuß des Wachtmeisters Buwert, der ihn von draußen beobachtet. Auf Umwegen gelangt Lübbe zurück in die Wandelhalle.

Jeder kann sich ausrechnen, daß dieses Herumirren eines ortsunkundigen Fremdlings seine Zeit gedauert haben muß. Aber er tastet sich nicht bloß durch die dunklen Räume und Flure. Daneben ist er mit dem zeitraubenden Legen von Dutzenden von kleinen oder großen Brandherden beschäftigt. Am besten folgen wir seiner eigenen Schilderung, wie er sie in seiner – von den Kriminalisten als besonders verläßlich geschilderten – ersten Vernehmung zu Protokoll gibt.

Lübbe ist also in das Gebäude eingestiegen und in das Restaurant gelangt.

„Dort habe ich das erste Feuer angezündet, und zwar mit einem von den Paketen, das ich unter die Gardine legte. Da der Brand gar nicht richtig losging, habe ich noch ein zweites Stück angezündet und auf den Tisch gelegt. Da es so dunkel war, habe ich dann das Zimmer erhellen wollen. Ich ging auf den Korridor und habe mir meine Jacke und meine Weste ausgezogen. Das Feuer war inzwischen ausgegangen, und ich habe daher meinen Pullover angezündet, um das Feuer weiterzutragen. Zum Anzünden des Pullovers verwendete ich die glimmenden Reste auf dem Tisch. Mit dem brennenden Pullover rannte ich den Korridor entlang, der dann hinten einen rechten Winkel machte. Dort fand ich in einem Büro Papier, das ich nun mit dem dritten Paket Kohlenanzünder zum Anlegen eines großen Brandes verwenden konnte.“

Lassen wir dahingestellt, ob Lübbe jetzt schon in dieses Büro gelangt ist. An sich schildert er es sehr treffsicher. Aber dann müßte er recht weit in der Wandelhalle entlanggelaufen sein. Auch dulden in der zweiten Vernehmung am 1. März die Kriminalbeamten, daß er sich korrigiert: Er habe in die Halle „bloß ganz kurz hineingesehen Freilich ist dieses Protokoll, im Widerspruch zu der an ihm gerühmten Exaktheit, recht unklar. Dem trotz der Kürze dieses Hineinsehens hat sich Lübbe – laut erstem Vernehmungsprotokoll – ausgerechnet in der Halle die Zeit genommen, nacheinander Mantel, Jacke und sogar den Pullover auszuziehen.

Darauf ist er – man kann nur sagen: unbegreiflicherweise – ins Restaurant zurückgekehrt und

,,mit dem brennenden Pullover eine Treppe heruntergerannt, die sich in einem Raum hinter dem Schanktisch befindet. Die Treppe führte in eine Küche im Erdgeschoß. Sie war abgeschlossen durch einen Türvorbau. Die Tür selbst war mit Stäben gesichert und abgeschlossen. Ich schlug daher eine Seitenscheibe ein und drängte mich durch. Der Pullover war jetzt ausgebrannt, und ich warf ihn auf die Fliesen. Da ich nun kein Licht hatte, zog ich mir mein Hemd aus und entzündete es an dem brennenden Lappen.

Die Küchenräume bin ich schnell durchgelaufen und kam bis an eine verschlossene Tür. Neben derselben befand sich ein Schiebefenster zur Speisendurchgehe. Da ich es eilig hatte und das Fenster nicht aufbekam, habe ich es mit einem kleinen Teller, der dort stand, eingeschlagen. Ich kletterte durch das Fenster durch und kam in eine Art Restaurant. (Vorraum zur Beamtenkabine.)

Das Hemd war bald wieder ausgebrannt, und ich nahm jetzt ein Tischtuch, das ich in der Küche fand. Das Hemd warf ich weg. Ich lief dann durch mehrere angrenzende Räume bis zu einer großen Kleiderablage in der Toilette. Dort fand ich einen Stoß Handtücher, mit denen ich an der linken Seite der Toilette ein größeres Feuer anzündete. Etwa fünf Handtücher nahm ich mit, um sie unterwegs zum Leuchten zu verwenden. Ich rannte dann eine Treppe hoch.“

Diese Blitztour durch unbekannte dunkle Zimmerfluchten wäre selbst in den bescheideneren Dimensionen des Bonner Bundeshauses eine beachtliche Leistung, auch ohne Fenstereinschlagen, ohne das Durchklemmen durchs Schiebefenster, ohne die wiederholten Aufenthalte bei der Suche nach Brandmaterial. Ganz so schnell geht das Anzünden von Fenstervorhängen, Portieren, Servietten, Handtüchern und eigenen Kleidungsstücken schließlich nicht.

Folgt man der Darstellung Tobias’, darf man diese erste Phase vom Einstieg bis zum zweiten Betreten der Wandelhalle mit, allerhöchstens zehn Minuten ansetzen, damit für das eigentliche Werk dieses angeblichen Alleintäters, nämlich die Brandlegung im Plenarsaale, überhaupt noch Minuten übrigbleiben. Zehn Minuten also...

Phase II: Zündeln im Umgang

21.13 Uhr. Noch ist der Weg zum Sitzungssaal weit. Und Lübbe läßt sich die nun einsetzende zweite Phase allerhand Mühe kosten – und Zeit.

„Ich war dann wieder im Hauptgeschoß und rannte hier ganz geradeaus. Das weiß ich daher, weil ich dort wieder meine Jacke fand. Hier waren noch zwei Pakete Kohlenanzünder darin. Einen zündete ich an, um zu leuchten. Ich rannte dann in einem rechten Winkel weiter und kam bis an einen Nebenraum, in dem ich viel Papier sah. Hier nehm ich meinen letzten Kohlenanzünder und machte ein großes Feuer an. Das Feuer wollte aber gar nicht schnell brennen, und ich nahm meine Überjacke zu Hilfe. Dann lief ich schnell weiter, wobei ich einen Teil der brennenden Überjacke mitnahm. Mit dieser zündete ich große Portieren an, die den Sitzungssaal abschlössen.“

Jetzt erst ist Lübbe also am Schauplatz des wirklichen Reichstagsbrandes angelangt: am Eingang zum Plenarsaal. Wer das alte Reichstagsgebäude kennt, weiß, daß es sich selbst für Ortskundige um beträchtliche Distanzen handelt. Nimmt man die Zeitverluste hinzu, die sich aus seiner „Arbeit“ ergeben, vor allem mit jenem „Feuer, das gar nicht so schnell brennen wollte“, dann dürften drei Minuten nicht zu hoch gegriffen sein. Vermutlich brauchte er aber wie bei Phase I, so auch bei Phase II weit mehr Zeit.

Selbst bei sparsamster Zeitberechnung (10 plus 3 Minuten) wäre es indes mittlerweile 21.16 Uhr. Spätestens in vier Minuten stürmt der Polizeileutnant Lateit in die Wandelhalle. Billigen wir dem Leutnant getrost eine oder zwei Minuten zu, die er aufgeregt herumrennt, ehe er in den Sitzungssaal schaut: Bestimmt kann er vom ersten Augenblick an genau. beobachten, ob sich etwas Verdächtiges in der Halle regt.

Zwischen-Phase (IV): das rote Tuch

Das ist wichtig. Denn außerhalb des Plenarsaales, und zwar – von dort aus gesehen, wo wir Lübbe soeben verlassen haben – am anderen Ende, gibt es einen Umgang. Diesen Umgang muß man durchschreiten, um durch eine Pendeltür in die große Wandelhalle zu gelangen. Dort aber liegt, einige Meter entfernt, ein vermeintliches Kissen, das Lateit sofort erspäht. Erst später stellt sich heraus: Es ist Lubbes zusammengebündelter Mantel.

Nun soll aber ein Stück rotes Tuch, das in diesem – brennenden – Mantel gefunden wurde, von dem Vorhang hinter dem Stenographentisch des Plenarsaales stammen. Lübbe behauptet, er habe es abgerissen und als Brennmaterial beim Anzünden der Portieren am Saalausgang sowie der Holzverschalung eines Kabelschrankes, der im Umgang angebracht war, benutzt. Erst danach will er durch die Pendeltür in die Wandelhalle gelaufen sein, um seinen dort zurückgelassenen Mantel anzuzünden.

Zwar weigerte sich das Reichsgericht, dies zu glauben, weil der sowieso schon arg gedrängte Zeitplan für die Hauptbrandstiftung im Plenarsaal damit auf ein Nichts zusammenschrumpfen würde. Aber Tobias will diesen „Arbeitsgang“ unbedingt in des Alleintäters Pensum mit einbezogen wissen. Was bleibt aber dann von dem Minuten-Plan?

Natürlich kann Lübbe erst in der Wandelhalle gewesen sein, nachdem er das Feuer im Plenarsaal gelegt hatte. Andrerseits muß dieser Abstecher allerspätestens um 21.20 Uhr beendet gewesen sein. Sonst hätte der Polizeileutnant Lateit ihn ja sehen müssen.

Die Schlußfolgerung ist eindeutig: Rechnet man für diesen zuletzt beschriebenen Abstecher bloße zwei Minuten, dann lassen sich im optimistischsten Falle für Lubbes Betätigung im Herd der Brandkatastrophe – nämlich im Plenarsaal – nur ganze zwei Minuten herauswirtschaften. In diesen zwei Minuten soll Marinus van der Lübbe den riesigen Brand gelegt haben? Unmöglich!

Diese entscheidende Zeitrechnung aufzustellen, hat Tobias versäumt: Sein so apodiktisch verkündeter Freispruch der Nationalsozialisten, der ja einzig und allein auf der These einer Alleintäterschaft Lubbes beruht, entbehrt schon von dieser Sicht aus jeglicher Grundlage. Alle Betrachtungen über die Glaubwürdigkeit Lubbes nützen nichts, solange nicht kritisch gewürdigt wird, was er nach seinen eigenen spärlichen Bekundungen im Plenarsaal getan haben will und was er andrerseits getan haben muß, um die rasend schnelle Brandentwicklung zu bewirken. Wie in aller Welt lassen sich der subjektive oder objektive Tatbestand in das unverrückbare Zeitschema einfügen?

Entscheidende Phase III: Schweigen

Nun aber kommt etwas sehr Bemerkenswertes. Liest man das Vernehmungsprotokoll ganz genau, dann springt ins Auge, daß der angebliche Alleintäter Lübbe ausgerechnet von dem Kernstück seiner Tat so gut wie nichts zu berichten weiß. Verglichen mit der sonstigen Breite seiner Schilderungen mag die Tat, wie er sie beschreibt, nicht länger als zwei Minuten gedauert haben. Hierüber schweigt Tobias sich aus. Wir müssen also ein wenig nachhelfen.

Wir sahen, die „letzten Kohlenzünder“ hatte Lübbe bereits verbraucht, ‚ehe er. den wirklichen Schauplatz der Brandkatastrophe, betrat. Teile seiner brennenden Überjacke hatte er benutzt, um die großen Portieren anzuzünden, die den Saal abschlössen.

„Daß dies der Plenarsaal war, habe ich erst gestern am Tatort erfahren. Ich habe im Feuer der Portieren einen großen Kuppelraum gesehen, der wie eine Kirche aussah, vorn waren die Pulte niedriger und hinten höher. Ich riß ein größeres Stück von der Portiere herunter und rannte damit auf die andere Seite des Saales, wo ich einen Teil der Portiere niederwarf. Ich lief wieder zu der ersten Portiere zurück, riß noch ein Stück Portiere ab und lief in den Gang weiter.“

Aus!

Jawohl, schon ist jener Teil der Brandstiftung, dem gegenüber alles andere bloße Zündeleien waren, vorbei!

Phase V: Feuer unter dem Sofa

Und nun vergleiche man damit alle jene vorhin zitierten Einzelheiten, die Lübbe für Phase I und II so plastisch zu berichten wußte. Man beachte, wie genau er auch das Hin und Her der ihm verbleibenden Minuten, also der Phase V, beschreibt.

“Ich lief wieder zu der ersten Portiere zurück, riß noch ein Stück Portiere ab und lief in den Gang weiter. In einem zweiten Gang brannte ich eine Gardine an und ein Sofa darunter. Da es hier zu schnell brannte, ich auch keinen neuen Stoff zum Weitertragen des Feuers hatte, rannte ich wieder an den Eingang zum Plenarsaal zurück, wo ich mir ein großes brennendes Tuch holte. In diesem Augenblick hörte ich auf der gegenüberliegenden Seite des Saales Stimmen. Ich lief jetzt in einen großen Saal, in dem ich auch noch Feuer anzünden wollten Ich habe aber hier nichts Brennbares gefunden. Ich rannte zunächst links in ein Zimmer und dann rechts gegenüber. Unterwegs verlor ich auch noch brennende Teile. Durch eine Tür kam ich dann wieder an dieselbe Stelle, wo ich vorher das Feuer angebrannt hatte. Hier steckte ich die brennenden Fetzen unter einen Sessel, um auch diesen in Brand zu setzen. Ich ging zum Bismarcksaal zurück, wo ich auch wieder Stimmen hörte. Ich nahm an, daß es die Polizei ist, und habe gewartet. Dort bin ich auch festgenommen worden.“

Wer sich nach alledem noch einen Rest von Unvoreingenommenheit bewahrt hat, muß zugeben: Nur über die entscheidende Phase III weiß Lubbe nichts Besonderes zu berichten. Hier klafft eine eklatante Lücke in seiner sonst so bereitwilligen und präzisen Erzählung. Ausgerechnet diese Lücke umschließt aber das Geheimnis des eigentlichen Reichstagsbrandes.

Warum weiß der auf den Ruhm seiner Alleintäterschaft so erpichte Fremdling hierüber so wenig zu berichten?

Daß die geschulten Kriminalisten es bei ihren Verhören unterlassen haben sollten, ihn wieder und wieder auf die Kernfrage zu stoßen, was er denn nun im Plenarsaal an einzelnen Brandlegungen unternommen haben wollte, ist nicht anzunehmen. Wie für das Restaurant, das Untergeschoß, die Wandelhalle und hinterher den Umgang und den Bismarcksaal werden sie sich bemüht haben, Lubbes Weg Schritt für Schritt und Brandherd um Brandherd zu rekonstruieren.

Auch hier scheint die Folgerung eindeutig: Dieser politische Fanatiker, der doch die Wahrheit, seine Wahrheit, unbedingt zu Protokoll bringen wollte, wußte einfach nicht mehr zu erzählen! Wir stoßen nicht etwa auf eine Gedächtnislücke – nein, Lübbe, der um diese Zeit nicht einmal ahnen mochte, in welches verwegene Spiel er so blindlings hineingetappt war, verzichtete einfach darauf, mehr für sich in Anspruch zu nehmen, als er tatsächlich getan hatte.

Wohlgemerkt, das, was er getan hat, war für sein minutenkurzes Gastspiel im Plenarsaal schon reichlich viel. Auch dort hat Lübbe nicht vor sich hingedöst. Man zünde erst einmal Portieren an einem Ende eines im Stockdunkeln liegenden fremdartigen Raumes an, taste sich im flackernden Feuerscheine nun in den Saal hinein und bilde sich ein, man habe eine Kirche vor sich, deren mehrfache Abstufungen und deren ungewohnte Sitzanordnung die Orientierung gar nicht so einfach machen. Man steige hinunter in den Saal und dann durch ein Gatter hindurch, weitere Stufen herunter zur Stenographenloge, wobei Lübbe erst die eine, dann die andere Treppe benutzt haben muß, weil beide dort hängenden Vorhänge als Brandmaterial benutzt wurden. Man laufe mit den flatternden Fackeln quer durch den Saal zum Ausgang, zünde die Portieren an, renne nochmals zurück, um weitere Vorhangreste zu holen, rase dann wieder zum Ausgang, zündele ein wenig im Umgang und haste schließlich in die Wandelhalle, um mit den verbleibenden Vorhangresten den Mantel anzuzünden. Man kehre in wilder Hast um und finde eine der wenigen offenen Türen am linken Vorderausgang des Plenarsaales...

Gewiß, das ist – wie wir gleich sehen werden – für die eigentliche Brandstiftung nicht viel, beinahe gar nichts. Aber für einen sehbehinderten jungen Burschen im Stadium höchster Erregung war es zweifellos genug. Und ob wir ihm dafür nun zwei oder vier Minuten zubilligen, wollen: einen pyromanischen Geschwindigkeitsrekord hat er auf jeden Fall aufgestellt. Nur war es gerade die in diesem Punkte durchaus überzeugende Schilderung Lubbes, die der Anklagebehörde, den Sachverständigen und dem erkennenden Senat des Reichsgerichts den Schluß aufzwang, nie und nimmer könne er der Alleintäter gewesen sein.