Widerlegung eines Reinwaschungsversuch es (II) – Mit wem war Lübbe vor der Tat zusammen?

Von H. B. Gisevius

„Die Nationalsozialisten haben den Reichstag nicht angesteckt“ – mit dieser These setzt sich Dr. Hans Bernd Gisevius auseinander. In der letzten Nummer der ZEIT hat er an einem genauen Zeitplan nachgerechnet, daß Lübbe das Reichstagsgebäude allein gar nicht in Brand gesetzt haben konnte. Heute untersucht er das Geheimnis, das Lubbes Gesellschaft vor der Tat umgibt. Seine Schlußfolgerung: Lübbe hat hier bewußt etwas verborgen.

Marinus van der Lübbe, von Beruf Vagabund, von Gesinnung eine Art kommunistischer Anarchist, habe am Montag, dem 27. Februar 1933, den Reichstag ganz allein in Brand gesteckt: dies behauptete Fritz Tobias im Spiegel – ein Vierteljahrhundert, nach jenem Ereignis, das der erste große Kriminalfall des Dritten Reiches war. Aber im Dezember des Jahres 1933 waren der Oberreichsanwalt, sämtliche Sachverständigen und der Erkennende Senat des Reichsgerichts nach einer erschöpfenden Beweisaufnahme von 34 Sitzungstagen übereinstimmend zu einer anderen Schlußfolgerung gekommen: Lübbe konnte nur einer von mehreren Brandstiftern gewesen sein. An dieser zwingenden Schlußfolgerung änderte auch die Tatsache nichts, daß Lubbes Mittäter damals unentdeckt blieben.

Wer waren diese anderen? Mit wem war van der Lübbe zusammen, ehe er im Reichstagsgebäude den Brand legte, den er für den seinen hielt und der doch nicht seiner war? Diese Frage umschließt das zweite Geheimnis des Reichstagsbrandes.

Die Spiegel- Serie, die vor einiger Zeit so viel Aufsehen erregt hat, weil – entgegen der bisherigen Auffassung – darin behauptet wurde, die Nazis hätten den Reichstag nicht angesteckt, ging allerdings auf Lubbes Bekanntschaften kaum ein. Niemand wird es zwar dem Autor Tobias verübeln, wenn er nicht mehr herausbekommen hat als seinerzeit die Reichsgerichtsräte. Aber die verschiedenen Mosaiksteine, die damals zusammengetragen wurden, hätte er seinen Lesern wenigstens darbieten sollen. Denn aus ihnen läßt sich auf Lübbes Herumtreiben in Berlin schließen. Auch die Lücken, ja gerade sie, haben eine entscheidende Bedeutung: Sie deuten auf alarmierende Lücken in der polizeilichen Ermittlung hin.

Lubbes Kumpanei

An sich hatte Lübbe ja nie ein Geheimnis aus seinem Treiben und seiner Kumpanei gemacht. Aber lassen wir die Absonderlichkeiten und Rüpeleien dieses aus ärmlichen Verhältnissen stammenden ehemaligen Fürsorgezöglings beiseite. Beginnen wir mit seiner „politischen“ Laufbahn. Schon als Sechzehnjähriger ließ sich der junge Holländer als Mitglied bei der Kommunistischen Partei einschreiben. Eifrig nahm er an Versammlungen und Umzügen teil. Mit 19 Jahren führte, er den Vorsitz bei Kundgebungen des Kommunistischen Jugendbundes. Er mietete sich sogar ein Lagerhaus in Leyden, um diese Abende zu veranstalten. Aber bei alledem war er ein Wirrkopf, der selber nicht wußte, was er wollte. Mal war er parteitreu, mal bekannte er sich zu anarch-syndikalistischen Gedankengängen. Immerhin war er in Leyden stadtbekannt als Verfasser von kommunistischen Flugschriften, Schulzeitungen und antimilitaristischen Pamphleten.

Im Frühjahr 1931 verließ er seine holländische Heimat zum ersten Male. Er bereitete eine „Arbeiter-Sportreise“ nach Sowjetrußland vor. Die Russen freilich ließen ihn nicht ein. Enttäuscht tippelte er zurück. Aber noch im selben Herbst stromerte er durch Österreich, Jugoslawien bis nach Ungarn, von wo ihn der holländische Konsul in die Heimat zurückschickte. Im Frühling 1932 versuchte er neuerlich sein Glück an der russischen Grenze. Nachher erzählte er eine romantische Geschichte, wie er einen, breiten Strom durchschwommen habe und wie er von den Schüssen der russischen Grenzpolizei verscheucht werden sei. Es wurde Spätherbst, bis er wieder in Holland war Dort mußte er eine Gefängnisstrafe absitzen, die er als Rädelsführer einer Demonstration gegen das Leydener Wohlfahrtsamt zudiktiert erhalten hatte. Erst Ende Januar 1933 wurde er entlassen, und nun hielt ihn nichts mehr in seiner Heimat. Am 3. Februar begann sein letzter Marsch ins Ungewisse: Sein dunkler Drang führte ihn wieder nach Deutschland – vermutlich abermals auf der Wanderschaft nach Rußland. Schon am 18. Februar übernachtete Lübbe im Asyl zu Glindow bei Potsdam. Ein oder zwei Tage später traf er in der Reichshauptstadt ein.

Ein politisierender Vagabund, der das Ursprungsland des Kommunismus kennenlernen wollte. Nichts deutete darauf hin, daß er etwa von früher her noch parteipolitische Kontakte in Deutschland hatte. Seine deutschen Erfahrungen beschränkten sich auf eine Anzahl von Obdachlosen-Asylen und Gefängnissen, wo man ihn wegen Vagabundierens eingesperrt hatte. Und trotzdem wurde dieser Fremdling binnen einer knappen Woche derart aktiv, daß er bereits am 25. Februar zum erstenmal einige kleine Feuer legte. Zwei Tage später brannte der Reichstag.

Selten war der Gegenstand einer polizeilichen Großfahndung klarer umschrieben. Zeitlich, räumlich und auch psychologisch handelte es sich um einen eng begrenzten Fragenkomplex. Um so unfaßbarer mußte es schon damals erscheinen, daß die kriminalistischen Nachforschungen nicht weiterkamen. Warum wohl? War denn wirklich nichts Genaueres über Lubbes Kumpanei in Erfahrung zu bringen?

Man kann von dieser entscheidenden Frage nicht, wie Tobias es tut, durch umfangreiche Betrachtungen darüber ablenken, wie sich der kräftige, jungenhafte und gesprächige Brandstifter in jenes menschliche Wrack hatte verwandeln können, das am 24. September 1933 im Rampenlicht des Reichsgerichts erschien. Natürlich darf diese bedrängende Frage nicht zu kurz kommen. Mit der Frage, ob Lubbe der Alleintäter hatte sein können, hat sie indes überhaupt nichts zu tun. Und die Sachverständigen haben denn auch erklärt, daß er zur Zeit der Tatausübung normal oder jedenfalls verantwortlich im strafrechtlichen Sinne gewesen sei. Nachweislich war der junge Holländer in den Tagen vor der Brandstiftung äußerst aktiv, gesprächig und – gesellig.

So stellte sich heraus, daß van der Lübbe sich bereits am 22. Februar an einer Prügelei beteiligte, die in der Nähe des Wohlfahrtsamtes in Neukölln stattfand. In dieser Gegend Berlins gab es damals fast täglich Tumulte. Kommunisten und Nazis führten dort sozusagen Kleinkrieg gegeneinander. Aber einmal entstand aus diesen Händeln ein sogenannter „überparteilicher“ Plan: sie wollten diesmal nicht gegeneinander, sondern lieber miteinander gegen das Wohlfahrtsamt vorgehen. Die Polizei vereitelte das. Mitten in diesem Wirrwarr tummelte sich der junge Holländer. Er mischte sich in die Debatten, hielt auch selber kleine Vorträge an der Straßenecke. Seiner verworrenen Rede kurzer Sinn war, es müsse in Deutschland etwas geschehen – so etwas wie die russische Revolution. Dabei spielte er’sich als Fachmann auf diesem Gebiete auf. Er protzte mit seinem holländischen Paß und brüstete sich, er habe in mehreren Ländern revolutionäre Erfahrungen gesammelt. Ein Augenzeuge berichtete, wie er die Meuterei auf dem holländischen Panzerkreuzer „Sieben Provinzen“ schilderte. Ein anderer war zugegen, als Lübbe in einem Gespräch mit zwei Arbeitslosen deren Parole zustimmte, es müsse alles in Brand gesteckt werden. Diesem Gewährsmann blieb sogar der merkwürdige Akzent des jungen Burschen in Erinnerung. Mehrfach rief Lübbe aus: „So rauscht es komme!“

Einer dieser Arbeitslosen fand an Lübbe Gefallen. Er gab ihm mittags zu essen und ließ ihn auch bei sich übernachten. Am folgenden Tage fand Lubbe abends Unterschlupf bei einem anderen Arbeitslosen. Der schenkte ihm aus Mitleid eine alte Mütze und einen Mantel. Gemeinsam besuchten sie mehrere Wahlversammlungen.

Man sieht, dieses oder jenes ließ sich über Lübbes Treiben und Gesellschaft schon in Erfahrung bringen. Er war ja eine nach Physiognomie und Dialekt durchaus auffallende Figur. Überdies hatte die Polizei eine außerordentlich hohe Summe für zweckdienliche Zeugenaussagen in dieser Richtung ausgesetzt. Sollte der Brandstifter in jenen Tagen also wirklich nur mit irgendwelchen unverdächtigen, an seiner Tat nicht beteiligten Arbeitslosen zusammengewesen sein, so ist nicht recht einzusehen, warum nicht eine Menge von Zufallszeugen ihre harmlosen Beobachtungen und Gespräche bei der Polizei gegen bare Münze zu Protokoll gegeben haben ...

Lübbe war alles andere als ein Fanatiker großen Formats – bis zum 25. Februar. An diesem Tage entdeckte er plötzlich seine Passion für Brandstiftungen; erstmals begab er sich mit Brandzündern auf Tour. Wahllos warf er sie in eine Baracke am Neuköllner Wohlfahrtsamt, dann in eine Kellerwohnung in der Königstraße. Danach zündelte er sogar am Rathaus. Schließlich kletterte er gegen Abend die Malergerüste am Schloß empor. Er kroch oben auf dem Dach herum und verursachte dabei einen kleineren Brand, der schnell entdeckt und gelöscht wurde. So dilettantisch diese erste Aktion auch erscheinen mochte, so unerklärlich blieb diese plötzliche. Unternehmungslust. Auf das alles sollte er ganz allein verfallen sein? Eher sah das nach einer mißglückten Aktion oder gar nach einer Generalprobe aus. Ja, die Dinge wurden noch mysteriöser.

Die Nacht nach den ersten Brandstiftungen schlief Lübbe in einem Berliner Obdachlosen-Asyl. Am nächsten Tag aber, am Sonntag, rannte er über Spandau weit hinaus nach Hennigsdorf. Es war dies ein recht entlegenes Ausflugsziel in solch kalter Winterszeit. Lübbe beharrte darauf, er sei nur dorthin gewandert, – weil er dort besser hätte schlafen können. Wir werden sehen. Warum er die Nächte davor ein ähnliches Ruhebedürfnis verspürt hatte, vermochte er nicht zu erklären.

Dann brach der historische 27. Februar an. Lubbe machte sich auf den Rückmarsch. Sein erstes Ziel war jenes Geschäft, in dem er sich schon einmal Kohlenzünder besorgt hatte. Er will von dort geradenwegs zum Reichstag gegangen sein, und angeblich war er den ganzen Tag über allein. Das klingt sehr unwahrscheinlich, wenn man seine leutselige Anteilnahme am „politischen“ Straßengeschehen in den ersten sechs Tagen damit vergleicht. Ausgerechnet in den entscheidenden 60 Stunden vor der Tat sollte er keine Kontakte mit wirklichen oder angeblichen Gesinnungsfreunden gehab: haben! Merkwürdigerweise kamen die polizeilichen Ermittlungen in diesem ausschlaggebenden Punkt keinen Schritt weiter.

Es mußte erst im Ausland tüchtig Alarm geschlagen werden, ehe die verschwommene Figur eines Begleiters auftauchte. Aber man sprach über ihn nur behutsam; man sprach nur deshalb von ihm, weil es offenbar nicht angängig erschien, seine Existenz abzustreiten. Das war Lubbes Hennigsdorfer Schlafgenosse. Der Mann hieß Waschinsky, und es gibt inzwischen eine umfangreiche Legende über ihn.

Tobias, der Autor der Spiegel- Serie, ereifert sich sehr über diese Geschichte und zitiert in diesem Zusammenhang auch meinen Namen. Aber ich habe mich nie an ihr beteiligt, und es will mir ziemlich gleichgültig erscheinen, ob dieser Dunkelmann tatsächlich 1934, wie Tobias sagt, in einem Pariser Emigrantencafe aufgetaucht ist, sich als der „Schatten“ Lubbes vorstellte und dann nach Preisgabe seines Geheimnisses wieder spurlos verschwand. Sein Geheimnis: Er habe Lübbe im Auftrag der Nazis ferngesteuert.

Das kann wahr sein, das mag falsch sein. Aber Legende hin oder her – existiert hat dieser Waschinsky, und Lubbes einziger Schlafgenosse in der Hennigsdorfer Nacht war er auch. Mehr noch: Beide sind in trautem Verein am Morgen des historischen 27. Februar zurück nach Berlin getippelt. Darauf kommt es an, und nicht auf die Tobias’sche Enthüllung, daß der Vorname nicht Paul, auch nicht Paule, sondern Franz gelautet hat!

Wer war Waschinsky?

Nun wurde diese Waschinsky-Geschichte teilweise erst nach 1945 bekannt. Man sollte also meinen, hier habe sich für Tobias eine unwiederbringliche Gelegenheit geboten, durch seine Rückfragen bei dem Kriminalkommissar Heisig, auf den sich seine Schilderung, wie er sagt, stützt, wirklich etwas Neues zu produzieren. Beispielsweise hätten wir gerne erfahren, ob die schon damals aufgestellte Behauptung stimmt, Waschinsky habe bereits die Nächte vorher mit Lübbe verbracht. Erst recht sollte nun wenigstens hinterher Auskunft gegeben werden, warum dieser letzte Wegbegleiter Lubbes alles andere als eine prominente Rolle im Leipziger Prozeß spielte. Erinnere ich mich recht, so wurde sogar der Friseur vor Gericht vernommen, der Lubbe in Hennigsdorf die Haare schnitt. Waschinsky wurde ähnliche Beachtung nicht geschenkt.

Tobias hätte auf diese beunruhigende Dürftigkeit der kriminalistischen Ermittlungen aufmerksam machen müssen. Statt dessen berichtet er – als sei es die nebensächlichste Sache der ganze Affäre – wie Lübbe und Waschinsky in Hennigsdorf ihren Morgenkaffee tranken. Dann „machten sie sich gemeinsam auf den Weg; sie trennten sich jedoch vor der Stadt. Franz Waschinsky ging seiner Wege.“

Soll das alles sein, was hierzu zu sagen wäre? Woher weiß Tobias, daß sie sich „trennten“? Wäre es nicht nach aller Polemik gegen die Waschinsky-Legende wenigstens einige Zeilen wert gewesen, zum Nachdenken aufzufordern, wie wohl die Waschinsky Wirklichkeit ausgesehen haben könnte? Warum ließ damals die doch sonst übereifrige Gestapokommission, die für jeden Schritt und Tritt, den die vier angeklagten Kommunisten taten oder getan haben sollten, gleich Dutzende von Zeugen herbeischaffen, und warum läßt auch heute der sonst so ausführliche Spiegelautor ausgerechnet diesen einen Kronzeugen ganz harmlos „seiner Wege ziehen“? Schon in jenen frühen Monaten des „Dritten Reiches“ war es nicht mehr angebracht, Görings Geheimpolizisten in einer so heiklen Sache des Mangels an Findigkeit zu bezichtigen. Um so bereitwilliger klammerten sich alle Prozeßbeteiligten an Lubbes erste irreführende Aussage, der zufolge alles ganz harmlos zugegangen war. Ganz allein, so behauptete er, war er von Hennigsdorf geradenwegs zum Reichstag gewandert:

„Ich habe nachmittags den Anbruch der Dunkelheit abgewartet und bin wieder die Linden entlang zur Dorotheenstraße gegangen, die ich diesmal langherauf zur Spree ging, wo ich dann umkehrte und fast ganz um den Reichstag herumging. Als ich an die Freitreppe kam, bin ich an der rechten Seite der Treppe an einem etwa mannshohen Gesims emporgeklettert.“

Zu jener Jahreszeit trat gegen 18 Uhr besagter „Anbruch der Dunkelheit“ ein, Lübbe aber ist nachweislich erst kurz nach 21 Uhr in den Reichstag eingedrungen. Hier klafft also eine ins Auge springende Lücke von mehreren Stunden. Worauf in aller Welt – und wo? – hat Lübbe an jenem kalten Winterabend gewartet, bis er sich an seine Arbeit machte?

Natürlich ließ sich diese Lücke, wie es noch im gleichen Protokoll geschah, durch die Rekonstruktion von allerhand weiteren Fußmärschen durch das Berliner Straßengewirr schließen. Lübbe „traf“ halt zweimal, erst mit Anbruch der Dunkelheit und dann auf die Minute genau zur Aktion, „vor dem Reichstag ein“. Aber dadurch rückte das beunruhigendste Rätsel aller Rätsel, das dieser störrische Angeklagte aufgab, erst recht ins Licht.

Wie konnte dieser vor wenigen Tagen erst in Berlin angelangte, ortsfremde Stromer binnen so kurzer Zeit nicht nur die Örtlichkeiten des Reichstages, sondern auch noch exakt jene halbe Stunde ausgekundschaftet haben, in der weder die Tagespförtner noch die Nachtwachen Dienst taten? Wie konnte es mit rechten Dingen zugehen, daß er seinen Einstieg auf die Minute genau begann, sobald der einzig mögliche Störenfried, der Postbote, kurz vor 21 Uhr das Gebäude verlassen hatte?

Sämtliche Prozeßbeteiligten waren sich damals einig, daß mindestens diese letzten düsteren Spätnachmittagsstunden ein Geheimnis umschlossen – ein Geheimnis, das preiszugeben sich offensichtlich Lübbe bewußt weigerte. Denn selbst, wenn er sich eingeredet haben mochte, in seinem Entschluß zur Brandstiftung „frei“ gewesen zu sein, ja, selbst, wenn er die letzten beiden Tage nicht gemerkt haben sollte, welche Schatten ihm folgten, dann konnte ihm soviel einfältige Unwissenheit für die allerletzten Stunden vor der Tat nicht mehr unterstellt werden. Da mußte er wenigstens hinterher etwas gemerkt haben. Diesen auf die Minute abgestimmten Stoß hinein in seine Tat mußte ihm irgendjemand ganz direkt gegeben haben. Dessen Namen brauchte Lübbe nicht einmal zu kennen, aber eine Personalbeschreibung hätte er geben müssen. Er wollte nicht.

Daß der auf den Ruhm seiner Alleintäterschaft versessene Lübbe sich bei der Polizei und vor Gericht hierüber ausschwieg, erschien damals durchaus begreiflich. Daß aber heute, ein Vierteljahrhundert später, Tobias meint, diese Problematik einfach verschweigen zu dürfen, ist unbegreiflich. Statt dessen überrascht er seine Leser mit einer völlig anderen Methodik, die verdächtige Lücke in den polizeilichen Nachforschungen zu schließen. Er versucht, das Vakuum durch ausführliche Betrachtungen über des politischen Märtyrers Lubbe Glaubwürdigkeit auszufüllen – über die Glaubhaftigkeit seiner Aussage zumal, er habe denBrand ganz allein gelegt. Tobias geht dabei mit einer Art negativer Beweisführung vor: Lubbes späterer physischer und psychischer Verfall wird auf seine Enttäuschung zurückgeführt, daß man ihm die Wahrheit nicht glauben wollte.

Als ob die Wahrheitsfrage nicht auch eine ganz andere Rolle hätte spielen können! Es sprach damals in der Tat sehr viel dafür, daß der junge Bursche zusammenbrach, als er erkennen mußte, daß etwas mit ihm oder um ihn herum nicht gestimmt hatte. Doch kam es zu diesem Kollaps (und wurde ihm womöglich nachgeholfen), weil er sich ärgerte, daß man seine Schilderung nicht für ernst nahm, oder weil er nach dem Gutachten der Brandsachverständigen erst erkannte, wie gründlich ihn gewissenlose Hintermänner hinters Licht geführt hatten, als sie ihn mit seinen paar Brandzündern in Marsch setzten?

Tobias nimmt an, Lübbe sei zusammengebrochen, weil man ihm nicht geglaubt habe. Und zum Beweis dafür, daß der geständnisfreudige Lübbe wirklich nichts zurückgehalten habe, zitiert Tobias ausführlich das Gutachten der beiden medizinischen Sachverständigen. Er nennt es „unanfechtbar“. Das ist erfreulich, wenn man bedenkt, wie schlecht die anderen Sachverständigen bei Tobias wegkommen. Nur müssen die Professoren Bonhöffer und Zutt auf andere Weise büßen, indem ihr Gutachten durch geflissentliche Weglassungen auf den Kopf gestellt wird.