In der vergangenen Woche gingen rund 200 Beschäftigte der Kamera-Fabrik Iloca Camera (Inhaber Wilhelm Witt) in Hamburg ohne Geld nach Hause. Die Firma hatte ein Vergleichsverfahren beantragen müssen. Trotz hoher Auftragsbestände hatte sie mehr als drei Monate stillgelegen, dann war ihr endlich die Luft ausgegangen. Schuld an der langen Zwangsarbeitspause ist nach Meinung von Iloca Camera das Compur-Werk Friedrich Deckel oHG, München, das im Jahre 1959 von ZEISS erworben worden ist. Das Compur-Werk stellt Kameraverschlüsse her, also jene Apparate, die zur Einstellung der Belichtungszeit, der Blende und Entfernung bei den Photoapparaten dienen.

Es gibt in der Bundesrepublik zwei, namhafte Hersteller für Kameraverschlüsse. Einmal ist es die erwähnte Münchner Firma, zum anderen handelt es sich um Alfred Gauthier, Calmbach/Enz, ebenfalls seit längerer Zeit zur ZEISS-Gruppe gehörend. Die ZEISS-Gruppe hat auf diesem Gebiet also eine marktbeherrschende Stellung, ähnlich wie sie es auf dem Gebiet für optisches Glas durch den Besitz von Schott & Gen. besitzt. Diejenigen Firmen, die gegen die Photoapparate van ZEISS-IKON und von der Voigtländer AG (ebenfalls zum ZEISS-Konzern gehörend) konkurrieren müssen, befinden sich also in der unangenehmen Situation, auf die Zulieferungen eines ihrer Hauptkonkurrenten angewiesen zu sein. Bei der scharfen Wettbewerbslage können nach menschlichem Ermessen aus dieser Lage resultierende Spannungen nicht ausbleiben.

So hat denn auch Iloca Camera gegen das Münchener Compur-Werk Anzeige beim Bundeskartellamt wegen Diskriminierung erstattet. Daneben hat sie in einigen Fällen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, außerdem laufen natürlich Schadenersatzprozesse, in denen es um Millionenbeträge gehen wird. Iloca Camera ist der Meinung, daß ihre Existenz durch unfaire Methoden des Compur-Werks bedroht worden ist.

Der Anzeige beim Bundeskartellamt legt Iloca Camera folgenden Tatbestand zugrunde: 1959 wurde offenkundig, daß die deutsche Photoindustrie sogenannte vollautomatische Verschlüsse dringend brauchte, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Da Iloca Camera seit vier Jahren ausschließlich Compur-Verschlüsse verarbeitete, wurden mit Friedrich Deckel Verhandlungen aufgenommen, um zu solchen Verschlüssen zu kommen. Am 24. April 1959 erfuhr Iloca Camera erstmals, daß ein vollautomatischer Verschluß dort angeboten werden konnte (Preis 16,50 DM ohne Selbstauslöser). Später stellte sich heraus, daß das Compur-Werk die technischen Unterlagen und Angebote anderer Konkurrenzfirmen schon viel früher zur Verfügung gestellt hatte.

Am 22. Mai bestellte Iloca Camera 3200 dieser Verschlüsse. Lieferung von Compur bestätigt: 1200 Stück für August 1959, 2000 für September. Aber nichts kam, auch nicht auf wiederholte Mahnung. Da sich Iloca auf Grund der neuen Verschlüsse entschlossen hatte, ihre übrige Produktion auslaufen zu lassen, geriet man allmählich in Bedrängnis. Nach energischer Vorstellung wurden die Verschlüsse dann für Anfang des Jahres (Lieferung im Januar beginnend) zugesagt. Aber auch dann kam aus München nichts. Die Folge: Insolvenz von Iloca Camera.

Besonders böse ist die Hamburger Firma darüber, daß nach ihren Feststellungen die Firma Argus Cameras‚ Ann Arbor/Michigan (USA), inzwischen fleißig mit den strittigen Verschlüssen beliefert worden ist. Allerdings liegt diesen Lieferungen eine frühere Bestellung zugrunde, eben deshalb, weil die amerikanische Firma die Unterlagen vom Compur auch früher zugestellt erhielt. Nun kann man natürlich sagen, daß es normalerweise einem Unternehmen freigestellt sein müsse, an wen es was wann liefert. Anders sieht sich das Problem allerdings an, wenn dieses Unternehmen eine Art Monopolstellung innehat. Das ist die eine Seite. Zu klären bleibt dann jedoch noch, warum das Compur-Werk feste Lieferzusagen machte und sie dann nicht einhielt. Die Ursachen für dieses Verhalten aufzuklären, wird Sache der Gerichte sein.

Übrigbleibt vorerst: Iloca Camera, Hamburg, ist aus dem Wettrennen im Photo-Markt ausgeschieden. Für die Firma fanden sich bereits Käufer. Aber auch ihnen wurde von Compur unmißverständlich mitgeteilt: Unsere Verschlüsse bekommt ihr nicht! Das sagt die Inhaberfamilie Witt, die jetzt ihre hochmodernen vollelektrischen Kameras nicht mehr herstellen kann, obgleich diese einen geschäftlichen Erfolg versprachen. Aber der deutsche Markt braucht auf diese Geräte nicht zu verzichten, denn in wenigen Wochen will Voigtländer – wie zu hören ist – eine vollautomatische elektrische Kamera herausbringen. Iloca Camera hätte ihre beiden Typen schon im Januar angeboten, wenn ihr von Compur die notwendigen Verschlüsse dafür geliefert worden wären. Das geschah jedoch nicht. So kann also das Compur-Schwester-Unternehmen Voigtländer als erstes vollautomatisch elektrisch starten. K. W.