–ge, Bremen

Mit dem Respekt vor den staatlichen Institutionen, den ich mir während meiner vierzehnjährigen Tätigkeit im öffentlichen Leben erworben habe, beuge ich mich dem Entscheid des Gerichts.“ Das war das Schlußwort des Angeklagten, des früheren Bremer Wirtschaftssenators Hermann Wolters.

Der einst so unternehmungslustige Politiker wirkte müde. Zwei Stunden lang hatte das Bremer Verkehrsgericht über die nächtliche Amokfahrt des Ex-Senators verhandelt, und der Richterspruch war mehr als nur die strafrechtliche Würdigung der Verkehrsvergehen vom 10. Oktober des letzten Jahres. Er setzte auch den Schlußpunkt hinter die politische Karriere von Hermann Wolters, der einmal als „Kronprinz“ der Bremer Sozialdemokraten gegolten hatte.

Manchem der knapp drei Dutzend Zuhörer, die in dem kleinen Verhandlungszimmer Platz gefunden hatten – über hundert hatten wieder umkehren müssen – mag während der Urteilsverkündung ein vielzitierter Ausspruch von Wolters in den Sinn gekommen sein. Ende 1958, als er nach einem mysteriösen Überfall in Bonn zum Rücktritt gezwungen worden war, hatte Wolters erklärt: „Ich werde mich weiter öffentlich betätigen, und zwar so, daß ich nicht überhört werden kann!“ Am 10. Oktober 1959 zeigte es sich, daß er recht behalten hatte.

Am Vorabend dieses Tages hatte Wolters, wie er vor Gericht angab, seine schwerkranke Mutter im Krankenhaus besucht. „Ich war dadurch, sowie durch mancherlei beruflichen und privaten Ärger so deprimiert, daß ich in der Wohnung meiner Schwester zusammen mit einer Bekannten einige Schnäpse trank.“ Im Laufe der Stunden wurden daraus jedoch sehr viele.

Was dann weiter geschah, wußte der Angeklagte auch vor Gericht nicht mehr zu sagen. „Seit dem Vorfall in Bonn ist meine Alkoholverträglichkeit stark herabgemindert, wahrscheinlich eine Folge der nicht auskurierten Gehirnerschütterung“, meinte er. Diese Erkenntnis habe er auch stets beherzigt – ausgenommen leider am 9. Oktober. Was zwischen Mitternacht und Morgengrauen geschah, blieb auf jeden Fall das Geheimnis des Angeklagten.

Über die Geschehnisse von 5,40 Uhr an gab allerdings der Polizeibericht hinreichend Auskunft. Zu dieser Zeit rammte Wolters in einer Wohnstraße drei vorschriftsmäßig abgestellte Kraftwagen, fuhr in mörderischem Tempo weiter, brachte beim Einbiegen in eine Hauptverkehrsstraße einen Mopedfahrer in arge Bedrängnis, schoß mit funkenstiebender Felge – ein Reifen seines Autos hatte keine Luft mehr – auf eine Fußgängerin zu, die sich mit einem beherzten Sprung gerade noch in Sicherheit bringen konnte, und prallte gegen einen Laternenmast, der umknickte. Dann endlich blieb er mit streikendem Motor auf einer Kreuzung stehen. Die Ampel zeigte Rot. Die von einem Taxifahrer alarmierten Polizisten fanden Wolters um 5.45 Uhr zusammengesunken, aber unversehrt hinter dem Steuer. Die Blutprobe ergab einen Blutalkoholgehalt von 2,48 Promille.

Die beiden medizinischen Sachverständigen erkannten dem Angeklagten für die Tatzeit volle Unzurechnungsfähigkeit zu. Staatsanwalt und Verteidiger zogen daraus verschiedene Schlußfolgerungen: Der Staatsanwalt beantragte acht Wochen Gefängnis ohne Bewährung, der Verteidiger plädierte für eine Geldstrafe, äußerstenfalls für eine niedrige Freiheitsstrafe mit Bewährung.

Das Gericht billigte Wolters die Unzurechnungsfähigkeit zu, betonte aber, daß in seinem Falle sträfliche Fahrlässigkeit zu ahnden sei. „Irgendwann hätte dem Angeklagten in der fraglichen Nacht der Gedanke kommen müssen, daß er nicht mehr weiter trinken dürfe, um so mehr, als er nach eigenen Angaben den Alkohol nur noch schlecht verträgt.“ Das Urteil: Wegen Volltrunkenheit am Steuer fünf Wochen Gefängnis ohne Bewährung; Führerscheinentzug für neun Monate.

Der Verteidiger von Wolters hat inzwischen vorsorglich Berufung eingelegt. Eines freilich ist sicher: Auch wenn der Rechtsstreit wiederaufgenommen wird – die einmal vielversprechende politische Laufbahn von Hermann Wolters ist zu Ende.