Baden- Württemberg Studenten-Rebellion in Freiburg
Was ist akademischer Stil? — Pfuirufe für Seine Magnifizenz
J~ennen Sie Magnifizenz? Wenn nicht, dann J können Sie Ihren Rektor beute kennenlernen Unter dieser Devise haben der Allgemeine Studenten Ausschuß (ASTA) der Albert LudvaigsUnvversität, Freiburg im Breisgau, und die Redaktion der Freiburger Studentenzeitung (FSZ) vergangene Woche zu einer Protestversafnmlung aufgerufen.
In ihr entlud sich jene Spannung, die sich im Laufe der letzten Monate in Freiburg zwischen akademischem Senat und Studenten aufgespeichert hätte.
Die Punkte der Tagesordnung waren 1. Protest gegen aas vom Senat verbängte Vertriebsverbot aller auswärtigen Studentenzeitungen auf dem Universitätsgelände, 2. Protest gegen die andauernde Einflußnahme des Senats auf die Meinungsfreiheit der Freiburger Studentenpresse, 3. Protest gegen die Verschleppung der Diskussion über die Mitbestimmung der Studenten in akademischen Gremien.
Obwohl der Sauerstoffmangel in dem zum Brechen überfüllten Auditorium Maximum eigentlich keine Entfesselung der Temperamente zuließ, kam es im Laufe dieses Abends zu Entrüstungsstürmen gegen Rektor und Vertreter des Senats, die in der Geschichte der deutschen Hochschulen nach dem Kriege bisher unbekannt waren. Klaus Damann, zweiter Vorsitzender des ASTA, führte zu Punkt eins aus: Der Senatsbeschluß richtet sich nahezu ausschließlich gegen die Hamburger Studentenzeitung KONKRET. Da keine juristische Handhabe zur Maßregelung dieser legalen, vom Hamburger Universitätssenat zugelassenen Zeitung besteht, wurde das Gesamtvertriebsverbot für alle Publikationen aus „administrativen Gründen" verhängt. Der ASTA, der sich zwar selbst bisweilen von den Linkstendenzen der Zeitschrift KONKRET distanziert, erblickt in diesem Beschluß eine schwere Beeinträchtigung der Informationsfreiheit, welche darauf abzieh, die studentische Kritik in Hochschulfragen lahmzulegen. Damann konnte weiterhin unwidersprochen erklären, daß der Senat entgegen früheren Dementis die städtische Polizei dazu ermunterte, den, Straßenverkauf von KONKRET zu verhindern. Studentenzeitungen sind jetzt nur noch in Buchhandlungen verkäuflich, KONKRET ist jedoch auch dort dem indirekten Druck der Umversitätsbehörden ausgesetzt. Eine Buchhändlerin sagte: „Wir kommen auf die schwarze Liste " Im übrigen sind die Studentenzeitungen im Buchhandel doppelt so teuer wie im früher üblichen Universitätsvertrieb. Damit kommt der Senatsbeschluß einem De facto~V erbot sämtlicher auswärtiger Studentenzeitungen in Freiburg gleich. Der Senat sieht sich also dem Vorwurf ausgesetzt, einen elementaren demokratischen Grundsatz mißachtet zu haben: die Informationsfreiheit. Zu Punkt zwei der Tagesordnung ergriff der „berüchtigte Chefredakteur" der Freiburger Studentenzeitung, Horst Breier, das Wort, ein Junge von vielleicht 22 Jahren, dessen Schüchternheit sich nur zeitweise gegen den Beifall der Versammlung durchzusetzen vermochte. Immer wieder werde, so erklärte er, politische und hochschulpolitische Kritik in der Freiburger Studentenzeitung durch disziplinarische Maßnahmen des Senats oder deren Androhung abgewürgt. Eine Diskussion über die Streitfragen finde nicht statt, weil Polemik prinzipiell als ungehörig gelte. Von denselben Persönlichkeiten des Senats aber, welche von der FSZ die Einhaltung eines „undefinierbaren akademischen Stih" forderten, seien dagegen Ausdrücke gebraucht worden wie „Schmiererei, Pharisäismus, Impertinenz, unqualifizierbar, subversiv, unreif, Ressentiments, beruflich gescheiterte Existenzen) Verrat an Deutschland". Diskussionen mit den Universitätsbehörden hätten den Charakter von Standpauken. Einem Redaktionskollegen nichtdeutscher Nationalität sei dabei von Rektor Thieme das Wort mit der Begründung verweigert worden: ,lch rede hier nur mit Deutschen" Demgegenüber sei bisher noch niemals ein Dozent bereit gewesen, seinen Standpunkt in den Spalten der FSZ zu vertreten.
In seiner Entgegnung im Auditorium Maximum stellte Seine Magnifizenz Professor Dr. H. Thieme die Einschränkung der Informationsfreiheit summarisch in Abrede. Das Zeitungsvertriebsverbot gelte nur der Wahrung akademischer: Ordnung und der Bekämpfung radikaler Tendenzen. Im Lesesaal dürfe auch KONKRET ausliegen (Ein Exemplar auf 8000 Studenten ) Zu Punkt zwei legte Rektor Thieme ein Bekenntnis ab zum „akademischen Stil" als Vorbedingung für jegliche öffentliche Äußerung eines Angehörigen der civitas academica. Eine Defini- ; tion dieses Stils gab er aber nicht. So gut wie alles, was mißfällt, kann also als „Stilverstoß" i ausgelegt und disziplinarisch verfolgt werden, wobei der Immatrikulationseid als juristischer Bezug dienlich ist.
Thieme wandte sich hier insbesondere gegen einen FSZ Artikel zum 17. Juni, in welchem vor der zunehmenden Neigung des Westens gewarnt wird, immer nur die Russen summarisch für alles verantwortlich zu machen. In diesen Worten sah Rektor Thieme nicht nur einen „Verstoß gegen die akademische Zucht und Sitte", sondern eine prokommunistische Tendenz. Hier verließ FSZ Chef Breier den Saal. Die Stimme des Rektors ging in einem Orkan von Pfui- und Puhrufen unter.
Als zweiter Repräsentant des Senats sprach Professor Dr. Dr. Dr.
- Datum 15.07.1960 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.7.1960 Nr. 29
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