Abenteuer in München
Thomas Wolfes vergeblicher Versuch, die derbe Geselligkeit der Deutschen zu genießen / Von Ernst von Salomon
A 1s der amerikanische Dichter Thomas Wolfe zum ersten Male nach Deutschland kam, war er eben aus dem Schatten eines begrabenen Lebens in den bleichen Glanz des Ruhmes getreten. Die Welt schien sich ihm offen und gefällig darzubieten, und er suchte, wie ein Mensch, der aas dem Dämmern des Waldes tritt, nun, da alle Wege lockten, mit sicherem Instinkte den, der zu einer fernen Heimat des Gefühles führte. Er entstammte einem Blute, gemischt aus dem von Menschen des nördlichen Europa und der deutschen Pfalz, dem die Lust am Wandern und Schweifen eingeschmolzen war. Doch mied er, in unserem Lande angekommen, das Leben der großen Städte, die an ihren grauen Tag zu fesseln drohen, und streifte, völlig allein, durch die sanften Gebirge und rauschenden Forste unserer südlichen Landschaft. Er schritt zu Fuß, da er mancherlei in sich zu ordnen hatte, dabei aufgetan für alle Wunder, die sich in täglicher Begegnung boten, entdeckte sich als Kind der Wälder mit ihren Schluchten und strebenden Gewächsen und tat seiner Sehnsucht freudig alles zugute, wessen das Herz des Dichters und der Jugend fähig ist.
Schon durch die Natur vor fast allen anderen Menschen seines Schlages ausgezeichnet, von mächtigem, geradezu riesigem Körperbau, mit langen, ausschreitenden Beinen, breiten Schultern und einem großflächigen Gesicht, das von dunklen Augen belebt und von einem wuchernden Gewirr braunen Haares umflattert war, verschmähte er, nicht anders als ein Wanderbursch unseres alten Landes, die ausgetretenen Pfade und mied sorgfältig alle die bekannten Stätten, die sonsthin von seinen reisenden Landsleuten mit Vorliebe aufgesucht und aus einem dunklen Bedürfnis nach den Gütern des Gemütes als romantische Zeugen historischer Zeiten bewundert werden. Er suchte und fand, obgleich er unserer Sprache nicht mächtig war, die Gesellschaft der Einwohner jener Landstriche Deutschlands, bereit, nicht nur sich an Kenntnissen anzueignen, was ihn kennenswert dünkte, sondern auch sich mit offenem Herzen dem aus eigentümlichem Grunde wachsenden Wesen der Deutschen liebend und verstehend zu nähern. So wanderte er ohne eigentliches Ziel und immer dem Augenblicke hingegeben durch die tannenbedeekten Berge des Schwarzwaldes, über die kahlen und gebuckelten Höhen der Rauhen Alb, durch die anmutigen Niederungen. Bayerns und gelangte schließlich berauscht und bereichert nach München :, , ; . In München aber wurde gerade, als er in die Stadt eintrat, das Oktoberfest gefeiert, und er fühlte sich glücklich, im Gewimmel des Volkes und unter dem blauen Himmel, der sich stattlich über der Festwiese wölbte, einen so bedeutenden Ausschnitt der urwüchsigen Lebensäußerung miterleben zu können. Er schlenderte, seinen breitrandigen Hut in der Hand, das Haar dem leichten Winde preisgegeben, mit langem Schritt und weicher Hüfte, den gewaltigen Oberkörper durch die Menge steuernd, durch die Reihen der Fahnen und Zehe, hier und dort verweilend, um endlich ermüdet und von den Eindrücken des bunten Schauspieles zu einer seltsamen Leichtigkeit des Empfindens angeregt, in einer der geräumigen Bierhallen einen Platz zu finden. Dort saß er nun lange an einem Holztische, vor sich einen für seine Erfahrung ungewöhnlich großen, für seinen Geschmack aber angemessenen Steinkrug voll von dunkel schäumendem Bier, streckte die Beine von sich und betrachtete mit wachem Auge das Auf- und Niederfluten der Menge und das festliche Treiben in der von mancherlei Geräuschen summenden Halle. Aber wie er so saß, lauschte und sah, überfiel ihn plötzlich wieder jenes Gefühl der Einsamkeit, das ihn auf seiner ganzen Wanderung :Ummer dann drohend umschattet hatte, wenn er sich von der Landschaft weg und den Menschen dieser Landschaft zugeneigt spürte. So sehr er immer die innere Verwandtschaft fühlte zu diesen Menschen, zu ihrer eigentümlich gesättigten Fröhlichkeit, die aus engem und kargem Boden zu so vollen Blüten trieb, während die reiche Weite seiner eigenen Heimat kein Maß einer so schön gebändigten Freude bot, hemmte ihn die Fremde, die zu überbrücken er nicht nur den Ozean, sondern auch einige Jahrhunderte überwinden mußte. Er dachte mit Trauer daran, daß ihn schon die Unkenntnis der Sprache hindern würde, in Gefühl und Einfalt, teilzuhaben an so geselliger Sitte, an so kräftiger Speise des genüßlichen Lebens, und seine Trauer begann zu vibrieren, als sich ein junges Mädchen oder eher eine junge Frau lächelnd an seiner Seite auf die Bank setzte, ihren Maßkrug lupfte, ihm nach, der liebenswerten Sitte des Landes und Festes unbekümmert Bescheid tat und keineswegs gewillt schien, beiseite zu rücken, als er sich, die Beine unter dem Tisch heranziehend, ein wenig näher an sie heranschob.
Bald kam noch eine lärmende Gesellschaft an seinen Tisch, die Bänke füllten sich, die Kellnerinnen schleppten eilig ganze Kränze von Krügen herbei, und ehe er sichs versah, saß er mitten in einer festlichen Runde, so daß es keiner besonderen Anstrengung mehr bedurfte, unter den Fröhlichen fröhlich zu sein. Er lächelte mit allem Glanz seines breiten und offenen Gesichts, wenn er angesprochen wurde, er hob seinen- Krug zu Ehren jeglicher neuen Kameradie und gab sich redliche Mühe, die dumpfe Trauer zurückzuscheuchen, die ihn soeben noch aus einer Höhle seines Wesens heraus angefallen hatte.
Als gar ein schmetternder Marsch ertönte, die Musikanten in der Tracht des Landes auf einer Balustrade des Saales in ihre schallenden Blechinstrumente bliesen, das Gelärme mit einem anfeuernden Schlage zu überbrausen und zu übertönen, fühlte er sich gleichsam durch die Wucht der Schallwellen recht eng an die Menschen dieser zufälligen und angenehmen Gemeinschaft geworfen, spürte mit Behagen die Nähe seiner Nachbarin und versäumte es nicht, seinen Mangel an Beherrschung, der landesüblichen Sprache durch den Eifer auszugleichen, mit dem er sich seiner Gesellschaft gleich tat, den Arm seiner Nachbarin ergriff und umschlang und den Oberkörper im Takte der Musik mit Schwung hin- und herpendeln ließ. Gleichzeitig erhob er wie die anderen seine Stimne, und wenn er anfangs sich begnügen mußte, mit einern kräftigen und melodischen Lalala der Weise des gemeinsam gesungenen Liedes zu folgen, so hatte er kurze Zeit darauf gar das Glück, die Worte „Ein Prosit, ein Prosit der Getönen — dieser merkwürdige Kehrreim war ihm nicht nur aus seiner Heimat bekannt, sondern er hatte ihn auch auf allen seinen Wegen und in allen Ländern, gleich welcher Zunge, die er je berührte, vernommen und gelernt, als einen urtümlicher; Ausdruck der gewissenhaften Lebensfreude, weider denn als direkte Huldigung an ein Element der Geselligkeit nur in deutscher Sprache seine beinahe magische Form gefunden hatte. So fehlte ihm eigentlich nichts zu seinem Behagen, er sprach dem Biere fleißig zu, verzehrte auch, dem Beispiel seiner neugewonnenen Freunde folgend, eine dargebotene Wurzel, die er nach einiger Mühe und unter viel Gelächter der Umsitzenden ernte, gehörig zu zerteilen und mit Salz zu bestreuen, und bemühte sich bereits schon lange nicht mehr, den Sinn der Worte, die zu ihm gesprochen wurden, zu begreifen, sondern lauschte nur deren dunklem und kehligem Wohlklang und fühlte jede Art von Gespräch von seiner Seite genugsam bereichert, wenn er zuweilen seinen Krug erhob und mit starker Stimme „Prost" sagte. Die junge Frau an seiner Seite, die übrigens, wie er mit leichtem Bedauern bemerkte, eine gewisse betuliche Aufmerksamkeit einem noch jungen Menschen an seiner anderen Seite zu widmen schien, sorgte voll freundwilliger Bereitschaft auch für die unmittelbaren Erfordernisse seines leiblichen Wohles, indem sie ihm nicht nur den Krug zurechtschot, einen Salzwecken reichte und unter viel Gekicher und leichtem Erröten den Schaum seines Bieres wegtrank, ihm über den Rand des Kruges dabe mit schnellem Blick zublinzelnd, sondern ihm sich auch, wenn es die Gelegenheit ergab, mit vollem Gewicht auf Arm und Hüfte legte, so daß er, als sich ringsum plötzlich die Paare zu einem Tanze erhoben, gleichfalls aufstand, vor seiner Nachbarin, vie er es allerorten sah, eine tiefe Verbeugung machte, und sich mit ihr, die sich sofort und mit Eifer an ihn schmiegte, mit geübten Schritten im Getrubel verlor.
Er begriff sehr wohl, daß sich das schallende Gelächtsr, welches sich sogleich bei seinem Beginnen an seinem Tische und auch anderwärts erhob, der ungewöhnlichen Größe seiner Gestalt, die nun offenbar wurde, zuzuschreiben war. Aber er blieb weit davon entfernt, sich darüber gekränkt zu fühlen, obgleich er sonsthin von einer starken Schamhaftigkeit war bei jedem Anlaß, den er für öffentliches Gelächter zu bieten schien; er lachte vielmehr freundlich mit, preßte seine Tänzerin, die allerdings ein erhebliches Stück kleiner war als er, nit Wärme an sich, ja, reckte sich sogar ein wenig, den guten Leuten den Anblick noch possierlicher zu gestalten, und schwamm überhaupt in einen Meer von Wonne, wenn dieser Ausdruck hier angewandt werden darf.
Der Überschwang schien seine jugendliche Kraft zu verdoppeln; hier fühlte er sich auf dem Zenit seines bis dahin beschwerlichen Weges, zu Beginn eines, wie er hoffte, mannhaften Tuns in großen Dingen, eine Welt glaubte er sozusagen aus den Angeln heben zu können, wenn es von ihm gefordert würde, und auch, wenn es nicht gefordert würde, sondern einfach seiner Lust und Laune entsprach.
So trat er, als der Tanz zu Ende war, noch immer in Sphären schwebend, die hoch über dem Bierdunst und dem Menschengewirr lagerten, mit seiner Begleiterin an eine Theke, die von allerlei jungen Männern umgeben war, welche lärmend und mit geröteten Gesichtern ihre Gemäße von Zeit zu Zeit an die Lippen führten. Einer von diesen jungen Leuten, und es war sogar jener Mensch, der am Tische neben ihm gesessen hatte, begrüßte ihn schallend, als sei er für recht lange Zeit in gefährlichen Fernen gewesen, stellte ihn seinen Kumpanen vor, packte ihn freundschaftlich am Arme, ihn zu der Theke zu führen, kurz, unterließ nichts, um sich seiner Kameradie mit diesem jungen, fremdländischen Riesen zu rühmen. Unser Freund fühlte, sich nicht ungeschmeichelt von diesem Tun, und so beantwortete er auch den Versuch des jungen Mannes, der ihn bewundernd am Bizeps ergriffen hatte und die Härte des Muskels erprobte, nach seiner heimatlichen Sitte und Gewohnheit, indem er ihm, die Stärke seines Armes zu verdeutlichen, einen leichten Schlag vor die Brust setzte.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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