Abschied von Marx

Was Generationen auswendig lernen mußten, gilt heute als Fälschung

IVf" it diesem Schritt haben die Kreml Ideologen J i- sich nicht nur von einer von Stalin verbreiteten These, sondern auch von Lenin, ja sogar von einer entscheidenden Schlußfolgerung des „Kapitals" von Marx entfernt. Jedes Aufsehen wurde dabei peinlichst vermieden. Die ideologische Wendung wurde nicht auf einem Parteikongreß oder einer Plenarsitzung des ZK verkündet — und es gab diesmal auch kein „Geheimreferat". Trotzdem steht sie in ihrer Bedeutung, vom Standpunkt der Parteidoktrin aus gesehen, nicht hinter der sensationellen Kritik an Stalin auf dem 20. Parteitag im Februar 1956 zurück.

Ein kurzer Vergleich der früheren Parteidoktrin über die „Verelendung" mit den heutigen Thesen läßt die Bedeutung dieser Umstellung erkennen. Eine der Grundthesen von Karl Marx war, daß mit der zunehmenden Entwicklung des Kapitalismus gesetzmäßig der Lebensstandard der Arbeiterschaft ständig fallen werde. So heißt es im Kommunistischen Manifest: „Der moderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus (also die Verelendung) entwickelt sich noch rascher als Bevölkerung und Reichtum " Auch in dem 1859 erschienenen ersten Band des Kapitals schrieb Marx: „Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends " Ausdrücklich wurde später in der Sowjetideologie stets unterstrichen, daß es sich dabei nicht nur um eine relative Verelendung handelt (also nicht nur darum, daß die Gewinne der Unternehmer schneller steigen als die Löhne der Arbeiter), sondern um eine absolute Verelendung.

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Alle in Millionen Auflage herausgegebenen ideologischen Schriften über dieses Thema enthielten den Ausspruch Lenins: „Der Arbeitet verelendet absolut, das heißt, er wird geradezu ärmer als früher, er ist gezwungen, schlechter zu leben, sich kärglicher zu ernähren, sich immer weniger satt zu essen, in Kellerräumen und in Dachstuben zu hausen . Der Reichtum wächst in der kapitalistischen Gesellschaft mit unheimlicher Geschwindigkeit — zugleich mit der Verelendung der Arbeitermassen". Völlig unbekümmert um die wirkliche Entwicklung der westlichen Industriestaaten seit den Tagen von Karl Marx — dem Ausbau der Arbeits- und Sozialgesetzgebung, dem Aufstieg der Gewerkschaften, der Verkürzung der Arbeitszeit durch die Einführung des Achtstundentags (Marx hatte die Erringung des zehnstündigen Arbeitsstages noch als großen Sieg gefeiert!) und dem unzweifelhaften Ansteigen des Reallohns der Industriearbeiter — hielt Moskau beharrlich an der Lehre von der „absoluten Verelendung" fest.

Auch Stalins Tod brachte zunächst keine Veränderung. Im September 1954 wurde das seit langem erwartete Lehrbuch Politische Ökonomie in einer Anfangsauflage von drei Millionen Exemplaren herausgegeben. Hierin wurde ausdrücklich erklärt, das „Gesetz der absoluten Verelendung" sei heute noch in allen westlichen Industriestaaten wirksam. Ausführlich und mit vielen Beispielen verkündete das Lehrbuch folgende vier Thesen: 1. Der Reallohn der Arbeiter fällt.

2. Umfang und Dauer der Arbeitslosigkeitwachsen.

3. Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich. 4. Es erfolgt eine krasse Verschlechterung der. Ernährungsbedingungen und Wohnverhältnisse der Arbeiterschaft.

Unbekümmert um die wirkliche Situation erklärte das Lehrbuch kurzerhand: „Im 20. Jahrhundert befindet sich der Reallohn der Arbeiter in England, den USA, Frankreich, Italien und anderen kapitalistischen Ländern auf einem niedrigeren Stand als um die Mitte des 19. Jahrhunderts " Manche Sowjetideologen hatten bei der Vejrkündung- dieser These ernste Zweifel oder — wie man im Ostblock sagt — „politische Bauchschmerzen" Nachdem Mikojan in seiner Rede auf dem 20. Parteitag im Februar 1956 ein objektives Studium der wirtschaftlichen Veränderungen der westlichen Welt gefordert hatte, traten manche Sowjetideologen vorsichtig für eine Revision der These der „absoluten Verelendung" ein. Aber sie wurden zunächst zurückgepfiffen.

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