tfark Brandenburg Abschied von Rheinsberg
Es war einmal eine heitere, alte Residenzstadt
H. S, Rheinsberg ~Dhein$berg ist eine kleine Stadt mit großem Na > men. Der Alte Fritz und Kurt Tucholsky iahen sie berühmt gemacht. Der preußische König iurch einen längeren Aufenthalt (173640), der 3em märkischen Flecken Rang und Gesicht gab; ier Schriftsteller durch eine zauberhafte Liebesjeschichte, die besser für Rheinsberg warb, als tausend illustrierte Prospekte.
Von weither reiste man nach Rheinsberg und es war für niemand eine Enttäuschung. Das Städtchen war einfach liebenswert: Ein klarer, gefälliger Stadtplan, den kein Geringerer als Knobelsdorff Entworfen hatte; saubere, buntgestrichene Häuser, ein kleines Schloß von eigenartigem Reiz, eine Flotte weißer Motorschiffe, die über die ansehnliche Seenkette kreuzten, die von Rheinsberg aus erreichbar war, eine Umgebung schließlich, die auf wenigen Quadratmeüen den ganzen Zauber der Mark einfing.
Rheinsberg war eine Sommerfrische, von seinen Gästen lebte diese Stadt. Man hatte für sie vorzügliche Hotejs gebaut, darunter einige von hohem Rang, „Fiirstenhof" und „Kronprinz"; es gab ein romantisches Theater im Freien, eine feudale Schloßkonditorei, einen Musikpavillon und ganze Rudel hübscher Boote, die man für Tage oder Wochen mieten konnte. Obwohl die Invasion aus Berlin oft beträchtlich war, wirkte der Ort nie überlaufen. Er war großzügig, wie die, Umgebung, in die ihn der Preußenkönig gestellt hatte. Wer Rheinsberg liebt, dem möchte man heute raten: „Fahren Sie nicht nach Rheinsberg!" Es ist eine Reise in die Enttäuschung. Sie beginnt schon am Bahnhof. Schmutzige Straßen, farblose Häuser. Der Rheinsberger „Ku Damm", die Schloßstraße, ist eine gewöhnliche Dorf gasse geworden. Die meinen Geschäfte sind enteignet. HO und Konsum verwalten sie.
Am Ende der Schloßstraße ein leerer Sockel. Hier stand das Ehrenmal für die gefallenen Rheinsberger, das Prof. Hoseus schuf. Die Russen hatten es beim Einmarsch stehengelassen, aber „die Rheinsberger SED Genossen sind schlimmer", erzählte mir freimütig ein alter Mann, der hier auf einer Bank saß „Ich habe es selbst gesehen. Sie gruben hinter dem Ehrenmal ein tiefes Loch, kamen mit einer Raufe, legten Trossen um das Mal und zerrten es so vom Sockel. Ach, wenns das einzige war", fuhr der Alte bekümmert fort „Vor dem Schloß haben sie den Alten Fritz vom Sockel gestürzt, im Park haben sie einige der schönen Statuen zerschlagen, eine Urne wurde aufgebrochen und die kommunistische Jugend hat den schönen Obelisk auf dem Hügel (Theodor Fontäne: „Das schönste Denkmal der Mark Brandenburg") geschändet. Die Namen, in Bronzebuchstaben auf Marmor gesetzt, wurden von Jugendlichen herausgemeißelt " Alles, was Rheinsberg seif 1945 verlor, ist Willkür und Racheakten zum Opfer gefallen. Am Markt zum Beispiel fehlt eine ganze Häuserzeile: Ein Kaufhaus, ein Wohnhaus und ein Buchgeschäft. Russische Soldaten hatten die Häuser angesteckt. Auch der „Fürstenhof" ist heute eine jämmerliche Ruine. Der Besitzer, hat seinen, wirtschaftlichen Niedergang allerdings nicht mehr erlebt; er und seine Frau vergifteten sich beim Einmarsch der , Russen.
Friedrichs Schloß ist für die Öffentlichkeit unzugänglich. Der kommunistische Gewerkschaftsbund hat es sich vor fünf Jahren für seine Zwecke herrichten lassen. Die Fassade ist unversehrt, aber das Innere ist nicht wiederzuerkennen. Die Möbel der Hohenzollernfamilie, die das Schloß bis 1945 zeitweilig bewohnte, ebenso die unersetzliche Einrichtung der Privaträume des Kronprinzen Friedrich, die der Kastellan in früheren Jahren jedem Besucher zeigte, wurden 1945 von Russen auf Lastwagen geladen und mit unbekanntem Ziel fortgeschafft. Rittersaal, Muschelsaal, Schlaf- und Arbeitsräume des Großen Friedrich sehen heute wie Gästezimmer einer mäßigen Pension aus. In einigen Räumen wurden die Deckengemälde von Pesne mit weißer Farbe übertüncht.
Von den Nebengebäuden blieb der Marstall erhalten; das Kavaliershaus ist zur Hälfte eine Ruine. Arg sind die Spuren des Verfalls im Park. Das war einst ein kleines Paradies. Vor der märchenhaften Grotte warnt ein Schild: „Einsturzgefahr!" Von den heiteren Skulpturen, die hier und dort die weiten Rasenflächen belebten, ist ein Teil zerschlagen. Auch die berühmten Sphinxe auf der Freitreppe, die Madame Pompadour und Maria Theresia karikierten, sind kaum noch zu erkennen. Die seltsame Pyramide, in der Prinz Heinrich ruht, ist noch erhalten, aber der „Salon", den Knobelsdorff baute, sieht bedenklich aus. Das Dach ist undicht, und der köstliche, vielbestaunte fliegende Engel unter der Decke ist von der eindringenden Nässe fast ausgelöscht.
Rheinsberg ist keine Sommerfrische mehr. Von den vielen Hotels und Pensionen sind zwei geblieben: Der „Ratskeller" und der „Alte Fritz", der seinen Namen nicht mehr führen darf. Dei „Fürstenhof", lädiert und zu zwei Dritteln abgetragen, ist eine billige Imbißstube geworden. Dei „Kronprinz" ist ein Altersheim „Stadt Berlin" ist eine Berufsschule. Der Rest ist von Behörden requiriert. Der Fremdenverkehr ist lahmgelegt. Aucr. die zwei, drei überlebenden Restaurants, „Deutsches Haus" und „Schloßcafe 1", sind nicht wiederzuerkennen.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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