Auf einer Wanderung
In ein freundliches Städtchen tret ich ein, in den Straßen liegt roter Abendschein. über den reichsten Blumenflor hinweg hört man Goldglockentöne schweben, und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor, daß die Blüten beben, Für mich gibt es so viele Lieblingsgedichte wie Lieblingslieder oder dito Komponisten. Fragt man einen Liedersänger darum, so muß der notwendig in arge Schwierigkeiten geraten. Sein Reisegepäck an Lyrik hat pflichtschuldigst ein gewaltiges zu sein, so an die tausend Poeme, die er im Kopf und meist auch im Herzen zu haben hat. Auch wird seine Auswahlobjektivität durch sein Liebesverhältnis zu den musikalischen Gewändern getrübt sein. Ausnahmen können nur solche Gebilde machen, in denen Musik und Wort eine vollkommene, treue Ehe miteinander eingegangen sind. Wiederum lassen sieh solche Geschöpfe zwar einigermaßen leicht ausmachen (Schuberts Lindenbaum, Schumanns Mondnacht, Brahms Feldeinsctmkeit oder ähnliches), geht es aber an das Beschreiben, kommt man sich vor wie ein Verräter an Geheimnissen, die noch von frühen Kindheitseindrücken her in uns verschlossen liegen. Ober Gedichte sprechen ist ja auch fast so unmöglich, wie seine Gebete dem Nächsten zu analysieren. Man trägt sie still wirksam durch das Leben, wenn sie gut sind und — man nicht zu den Kunstkritikern zählt.
Wenn mir Eduard Mörike der nächste unter den deutschen Lyrikern ist, so kann ich das wohl nur damit begründen, daß mir bei ihm die besten Kräfte unserer Sprache von einst gesammelt erscheinen, um sich höchst wirksam in die Verästelungen der Folgezeit zu ergießen. Auch Jvförike ist ein Beweis dafür, wie wenig verschwommen, wie so gar nicht haltlos die vielgeschmähte Romantik auf uns zu wirken hat, Und wer sich, wie ich, von Benn, Celan oder auch der Bachmann angesprochen fühlt, braucht sich seiner Ehrfurcht vor Mörike xnicht zu schämen. Daß er uns Zwischenpostiertehdas ermöglicht, das eben ist seine große Wohltat. Auf einer Wanderung macht all dies deutlich, wennschon ich noch vieles bei ihm als „mein Gedicht" bezeichnen müßte. Ich griff es heraus, weil es mir dazu noch Symbol für die Urstimmung des Schöpferischen ist: der Anhauch der Muse, die Liebe zu Mensch und Natur nicht außer acht lassend, sondern durch sie hindurchströmend mit dem größten Ergebnis.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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