Aus Leipziger Sicht

Das Vertrauen in die fruchtbare Vielfalt der Arbeitsweisen ist nidit eben die erste Tugend der deutsien Literaturwissenschaft. Vor dreißig, vierzig Jahren war man allgemein auf die Geistesgeschichte eingeschworen und konstruierte kühne Kategoriensysteme, die des näheren Kontakts mit dem Texle ermangelten; seit vorgestern wieder pfegt man, von Kiel bis Freiburg, in ebenso massiver Gemeinsamkeit jene ernsthafte Interpretationskunst, die es auch den frühen Semestern ohne tiefere Einsictt in literarische Konvention und kritische Norm gestattet, die dem Dichter selbst verborgenen Bedeutungen seines Werkes in inständigem Fragen zu umkreisen („Ils en savent plus Immerhin, das Gefühl des Unbehagens an diesem Epigonentum wichst, die industrielle Geschäftigkeit, mit der man manchenorts gewichtige Deutun;s Bände kompiliert, hat den Markt „übersättigt"; der Ruf nach weniger verbissenem Ernste, nach anderen Möglichkeiten der Arbeit, nach Literaturkritik selbst auf akademischem Boden scheint wieder salonfähig. Das ist sicherlich eine der Ursachen, warum man den Bemühungen des Leipziger Professors Hans Mayer auch in Westdeutschland steigendes Interesse entgegenbringt: man kann Mayer mit Vergnügen lesen, ohne vorher Heideggers Holzwege beschatten zu haben; er brilliert mit eleganten Nadel, Feder- unc Florettstichen gegen seine Widersacher; nicht zuletzt hat ihn sein juristisch musikalischer Bildungsgang und die Epoche des Pariser und Straßburger Exils davor bewahrt, dem sonst so gerne geübten germanischen Provinzialismus zum Opfer zu fallen.

Hans Mayer: „Georg Büchner und seine Zeit"; Limes. Verhg, Wiesbaden; 508 S , 19 50 DM , ist eine neue Auflage der „rsten größeren literaturhistorischen Arbeit, die in Westdeutschland nach dem Kiiege erschien" (1946). Im Kerne des Bucaes glüht noch immer die enthusiastische Liebe des exilierten Literaturfreundes für seinen Helden, der Kunst, Politik unc Naturwissenschaft gleichsam in Eines zusammenraffte und seine Energie in vulkanischen Ausbrüchen verschwendete, zwischen Polizeiverfolgungen und illegaler Organisationstätigkeit.

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Vielleicht soll man Hans Mayer dafür dankbar sein, daß die neue Fassung der Arbeit nicht in den Kern des Buches greift und die neueren Gedanken unbefangen es, daß dieser „neue" Band eigentlich zwei Bücher enthält: das einstige Bekenntnis des mit marxistischen Gedinken freiwaltenden Intellektuellen und gleichsam als jüngste geologische Schicht, die Arbeitsergebnisse des Leipziger Orcinarius. Büchner, in den Kernkapiteh ein einsamer und von allen gelöster Außenseiter, enthüllt sich im Anhang plötzlich als ttrEnde aller Einsicht in das menschliche Schicksal ein „Grau in Grau hoffnungslosen Elends" entdeckte, bietet nun ein seine Forderung nach wirklichkeitsgesättigter Kunst wird nun flugs als demokrawo ihn einst vielverschlungene Pfade mit Marx oder Schopenhauer verbinden mochten, trottet man heute auf der raschesten Allee hin zur Marx Engelsschen Kanzlei. Wo ist Wahrheit? Soll man glauben, daß der Autor, der freiheitsdursten de Emigrant von einst, so fugenlos in die Kategorien der gelenkten Kulturpolitik hineinwuchs? Oder will uns Hans Mayer eher vor Augen führen, welche intellektuellen Opfer ein Autor und Lehrer drüben tagtäglich bringen muß, um innerhalb des staatlichen Begriffssystemes einer ersten Liebe zu genialer Dichtung nachhängen zu dürfen? Es ist nicht nur die eigene Jugend, von der sich Hans Mayer halb zögernd, halb willig distanziert: hier liegen Spuren unsichtbarer ideologischer Wandlungen und Schicksalswendungen zutage, warnend, fast tragisch greifbar. Ähnlich wie das aus mancherlei Gründen so lesenswerte Büchner Buch, ist auch die Essay Sammlung Hans Mayer: „Von Lessing bis Thomas Mann: Wandlungen der bürgerlichen Literatur in Deutschland"; Neske Verlag, Pfullingen; 414 S, 19 80 DM in der Hauptsache eine Neuauf läge älterer Aufsätze, die in Ostdeutschland zu verschiedenen Anlässen erschienen.

Wie Lukacz vor ihm, so fragt auch Mayer, warum Deutschland einen so geringen Anteil an der Entfaltung des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts hatte. Die Antwort ist nicht neu: Hans Mayer entdeckt die Ursache in den Besonderheiten der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands; er macht die Weltflucht ins Subjektive, die Dezentralisierung des staatlichen Lebens, die gescheiterte Revolution von 1848 und die entwürdigende Resignation der deutschen Bourgeoisie im Reiche Bismarcks für das Fehlen eines welthaltigen deutschen Romans verantwortlich.

Es geht also eigentlich um eine Geschichte des deutschen Realismus, die Mayer in Einzelanalysen zu demonstrieren trachtet: Zwar findet er schon in den Aufzeichnungen G. Schnabels und mit historisch politischem Detail, die verheißungsvoll in die Zukunft weist, immer aber bricht sich die Entwicklung an der politischen Tatenlosigkeit des Bürgertums. ohne Folgen; es ist die realitätsfeindliche Romantik, die eigentlich Epoche macht. In den. Werken E, Th. A. Hoffmanns, die politische Misere ein kräftiges Erfassen der bewegenden Geschiehtskräfte; die politische Schwäche des Bürgertums spiegelt sich im Resignationsroman, in welchem sich der Schriftsteller aus der Welt der Gesellschaft in die radikale Subjektivität flüchtet: Eskapismus, so nannte mans Die These klingt ebenso bestechend wie unbeweisbar; im übrigen wird sie durch Einzelfälle der Weltliteratur widerlegt. Wenn die politische Bedeutungslosigkeit des Bürgertums wirklich, in genereller Kausalität, verantwortlich sein sollte für den Mangel an realistischer Literatur, wie wäre dann die russische Entwicklung zu erklären? Offenbar gab es im zaristischen Rußland kaum ein Bürgertum jenseits der politisch wenig schlagkräftigen Kaufleute und Krämer — dennoch gibt es einen bedeutenden russischen Roman; Gogol, Schriftstellern der „siegreichen" und tatenfrohen Bourgeoisie Frankreichs und Englands durchaus aufnehmen. Andrerseits: ist Flauberts „Education sentimentale" nicht das Urbild eines Resignationsromans? Allerdings tritt in Mayers Einzeluntersuchungen die geradlinige These bescheidener in den Hintergrund. Die meisten Aufsätze des Bandes sind während des kurzen „Tauwetters" nach Stalins Tod entstanden: So bedient sich auch der Marxist in einem geistvollen Aufsatz über Hoffmann einer Analyse der Zeitstruktur; die aufschlußreichen Essays über jenseits der Gesamtkonzeptionen; mit einigem Vergnügen beobachtet man, wie Hans Mayer auch gegen die Extremisten im eigenen Lager (etwa Paul Reimann) Front macht und ihre Arbeiten ebenso skeptisch beurteilt wie die der Vereinfacher in Westdeutschland.

Mit Hans Mayers kritischem Ansatz wird man durchaus übereinstimmen; seine Definition der Literaturgeschichte als eines „höchst selbständigen und in vielem eigenständigen Bestandteiles der Geschichtswissenschaft" wird man nicht einfach ignorieren dürfen, solange eine wie hypnotisiert auf den Text starrende Dichtungswissenschaft allerorts dabei ist, Normen ohne geschichtliche Beweiskraft zu postulieren.

Hier aber trennen sich die Wege. Hans Mayer sagt Geschichtswissenschaft, meint aber die marxistische Geschichtsvision. Immer noch operiert er, auf Geschichte und Gesellschaft blickend, mit den längst anachronistischen Emblemen des Bürgers und Proletariers von Anno dazumal und vergißt, daß die „kapitalistische" Gesellschaft sich eben in einer zweiten Industriellen Revolution zu einer Vitalität und Kraftentfaltung zu verjüngen im Begriffe steht, die den Propheten ihres Niederganges noch einiges zu schaffen machen wird.

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