Berliner Festwochen: Halbzeit

Von Johannes Jacobi

Zehn Jahre bestehen die Berliner Festwochen jetzt. Die Kritik an der Einrichtung — wozu Festspiele nun auch noch in Berlin? — ist verstummt. Was Gerbart von Westerman tastend, doch zielsicher aufgebaut hat, überzeugt. „Festspiele" sind diese 17 Tage nur zum Teil, und dies besonders für die Berliner. Da kommt die große Welt zu Gast auf die politische Insel: die New Yorker Philharmoniker und ein japanisches Orchester, Tanzer aus Basel und New York, Schauspieler aus Dublin sowie die Comedie Franwieviel nerviger ihr eigenes städtisches Schauspiel die „Elektra" von Giraudoux gespielt hat, schließlich Les Freres Jacques aus Paris. Hier springt der Witz von Hauptstadt zu Hauptstadt. Diesmal gab die Hamburgische Staatsoper Hans samtgastspiel. Das Düsseldorfer Schauspielhaus stellt seine Uraufführung der „Nashörner" von ger Deutsche Theater Hofmannsthäls „Bergwerk 1 um Schauspiel „Die Zimmerwirtin" des französischen Surrealisten Jacques Audiberti in Hans Bauers Inszenierung. Für Berlin sind das noch unbekannte Werke.

Für Westdeutschland bildet die Resonanz einen Prüfstein. Denn schon manches, was im Westen als Spitzenleistung angesehen wurde, verblaßte, wenn es dem schärferen Berliner Wind ausgesetzt wurde.

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Am Anfang und Ende der 17 Tage stehen jeweils Premieren auf Boleslav Barlogs städtischen Schauspielbühnen „Gastregisseur vom Dienst" für den einleitenden Festwochen Klassiker im Schillertheater ist seit Jahren; Gustav Rudolf Sellner, Berlins künftiger Opernintendant.

Diesmal wollte der Theatermann anscheinend Dramaturg, allzu rhapsodisch verfuhr „Egmont" hieß die undankbare Auf gäbe. Das Drama wimmelt von Brüchen und Widersprüchen. Den nächstliegenden Weg verschmähte Sellner: die Fanfare der Freiheit laut erschallen zu lassen, einer Freiheit, die Traum und Vision einer schönen, aber tumben Seele bleibt. Der Regisseur bemühte sich, die politischen Linien schärfer nachzuzeichnen. So rückte in den Mittelpunkt das Gespräch zwischen Egmont und Alba. In Erich Schellow und über, zwischen denen es keine Diskussion mehr gibt. Großartig: moduliert war das politische Seitenthemat die Monologe der abtretenden Regentin, mit der Marianne Hoppe die schauspielerisch leuchtendste Leistung des Abends vollbrachte. Zurückgedrängt waren die Genrebilder: Volksszenen ohne Volk, Klärchens Ritterliebe, sogar die GefängnismonologeEgmonts Hier besonders wurde die Aufführung stumpf.

Wie Sellner Gestalten und Szenen vom Wort her aufzubauen trachtet, das ließ Heidemarie einem Könner wie Schellow nahm Sellner viel vom Glanz der Goetheschen Lichtgestalt weg. Die Regieidee basierte auf den Gegenfiguren. So stimmte auch noch der gedämpfte Oranien von kühlter Goethe wirklich noch Goethe? Die Sensation der Larlog Bühnen war bisher eine Uraufführung, das Schauspiel eines deutschen Autors. Es stammt von Leopold Ahlsen, der mit seinem Zeitstück „Philemon und Baucis" schon nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht hatte. Seine jüngste Arbeit, die im Schloßparktheater von Willi Schmidt mustergültig inszeniert wurde, heißt „Raskolnikoff" und ist eine DostojewskiMontage für die Bühne.

Ahlsen zeigt sich fasziniert von der Entstehung des modernen Gottmenschen, der mit Ethos mordet, der die überkommene Moral durch luziferischen Atheismus außer Kurs setzen will und dennoch von dem Gott, gegen den sich der abstrakte Intellekt aufgebäumt hat, seelisch zur Strecke gebracht wird. Der Zeitbezug von Ählsens Stück ergibt sich, wenn man die geistigen Grundlagen des kommunistischen Materialismus in Betracht zieht.

Das Stück enthält Rollen, zwei vor allem, die eine Wonne für Schauspieler sind: den Studenten zwischen Genie und Wahnsinn, Raskolnikoff, und seinen Gegenspieler, die alte Exzellenz Porphyri strichenen Nebensatz eines Zeitungsmanuskripts her geistig einkreist: ein psychologisch intellektuelles Kriminalspiel von spannendster Dramatik. Inmitten eines wundervoll aufgebauten, in jeder Charge stimmenden Ensembles glänzten Klaus des Talent durfte sich über die hektischen, jungen Triebmenschen, die seine Spezialität zu werden drohten, erheben. Sein Raskolnikoff Gesicht glänzte von einer Schönheit des reinen Gedankens, dem man sogar die subjektive Redlichkeit des Mordes ansah.

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