Bücher, Bücher, Bücher...
Notizen, hinter den Kulissen der Frankfurter Buchmesse gesammelt Von Rudolf Walter Leonhardt und Dieter E. Zimmer
Missa fuit! Diese Frankfurter Messe nämlich, seit langem sehr säkularisiert, aber dem Schöpfergeist doch noch näher als manche andere, kurz: die Buchmesse 1960. Eröffnet am 20. September von einem, der wieder einmal einen frischen Ton in das kritische Bemühen um" die deutsche Literatur brachte und wieder einmal ein Schweizer war: nach Staiger und Frisch und Muschg und Dürrenmatt jetzt Werner Weber (Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, wenn wir uns nicht irren). Das wäre mal ein dankbares und wichtiges Thema für viele Doktorarbeiten: die rettende Rolle der Schweiz für die deutsche Literatur seit 1933 (von Hesse wäre dabei ebenso zu reden wie von Wälterlins Zürcher Schauspielhaus oder der literarischen Nächkriegs Emigration ins Tessin). Das Ende verplätscherte sich in einen Montag (26. September) hinein: die rüstigsten Verleger lächelten noch ungebrochen im Messe Hauptquartier Hessischer Hof — müde Agenten verkauften ihre letzten Übersetzungsrechte .
fr „Es gehört heute zum guten Ton, daß man ihn nicht hat. Das kennzeichnet unter anderem den Großteil der gegenwärtigen Literatur. Die Schwierigkeit besteht nicht mehr in der Frage: Was darf ich sagen? Sie besteht eher darin: Was muß ich sagen, um endlich alles gesagt zu haben, das man nach Meinung der Veteranen nicht sagen darf?" Solchermaßen begann Werner Weber seine Eröffnungsansprache, und dann machten sich Agenten und Verleger und Buchhändler auf die Suche nach dem guten unguten Ton.
Die Jagd auf Übersetzungsrechte ist zum aufregendsten Zeitvertreib der Messebesucher mit An- oder Verkaufsvollmachten geworden. Sie findet hinter den Kulissen statt — mit Vorliebe in einer der beiden örtlichen Hof Bars (Hessischer oder Frankfurter). Typisch: der italienische Verleger, dem der deutsche Markt seine beiden letzten großen Weihnachtsbücher zu danken hat, tippte auf ein Buch des Insel Verlages: und wenige Minuten später machten sich die ersten Bewerber auf den Weg, um die Rechte" zu kaufen. fr Vor den Kulissen der Messe spielen Verlage aus aller Welt ihr von Jahr zu Jahr nicht sonderlich wechselndes Schauspiel, faszinierend für den Gelegenheitsbesucher, ein bißchen ermüdend schor. für die Routiniers: Bücher, Bücher, Bücher. Überall auf der Frankfurter Messe war Babylon. Wie es einem Wirtschaftskundigen zukommt, hatte der rührige Verleger des Düsseldorfer EconVerlages das Bedürfnis von Messebesuchern nach Tragetaschen erkannt (in geradezu rührender Weise werden Prospekte gesammelt, die im Laufe der Zeit der hortenden Hand zu entquellen drohen): er befriedigte dieses Bedürfnis, und von den Taschen prangte passenderweise der Titel eines Buches, von dem er sich viel erhofft (und das einen Teil dieser Hoffnungen bereits erfüllt hat): „tlberal| ist; Babylon!, Viele, viele Leute begeben sich in so einer Messewoche nach Frankfurt, wo — wie man im Baedeker nachlesen kann — die deutschen Verkehrswege sich schneiden. Auch die Autobahnen! Alle deutschen Großstädte haben ihre Parkplatzsorgen. Keine erreicht Frankfurt. Weswegen dort auch die Kunst, aus Autoraum Not klingende Münze zu schlagen, besonders entwickelt ist: nächtliches Unterstellen in einer Garage 2 60 DM; erfreulich mäßig die Stadt Frankfurt: ein ganzer Tag vorm Messegelände 0 50 DM; am profitgierigsten die Deutsche Bundesbahn: fünf Minuten vor dem Hauptbahnhof 0 75 DM.
Die Messen geben dem Freund des deutschen Theaters, der von Berlin, München, Hamburg oder woher auch immer kommt, Gelegenheit, einmal wieder Vergleiche zu ziehen. Die von Generalintendant Harry Buckwitz geleiteten Städtischen Bühnen brauchen solche Vergleiche nicht zu scheuen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte einer guten Herlischka Inszenierung von Mussorgskys „Boris Godunow" den Vorzug gegeben. Geboten wurde unter anderem auch „Belagerungszustand" von Camus und „General Quixotte" von Anouilh: ein bißchen allzu ununterbrochen grimmig und trostlos das eine, ein bißchen allzu leichtgewichtig das andere — in Shakespeares Theater hätte man es gewagt, beide am gleichen Abend, hintereinander weg, zu Spielen, damit sich die Gewichte Verteilen — Frankfurts Theater sind auch für den von Gründgens, Barlog und Schweikart Verwöhnten einen Besuch wert.
Die feierlichsten Messe Stunden — Eröffnung und Preisverleihu ng —- lagen diesmal gar dicht beieinander: am Dienstag das eine, am Mittwoch das andere. Viele, viele Reden . Es gibt Menschen, die können solche Festreden nur spärlich dosiert ertragen. Einen solchen ertappten wir in der Paulskirche dabei, wie er die bereits gedruckt vorliegenden Ansprachen mit denen verglich, die tatsächlich gehalten wurden. Seine Unterlagen ergaben reichlich Material für einen großen Artikel zum Thema „Die Klugheit persönlicher Referenten oder Vorzüge der Überarbeitung". Ein vorwegzunehmendes Ergebnis: immer waren die tatsächlich gehaltenen Reden a) anders, b) besser als die gedruckten.
fr Auch der Vorsteher des Börsenvereins, Werner Dodeshörner, begrüßte die vielbegrüßten Besucher der Frankfurter Buchmesse, die Leute also, denen das Bemühen um den deutschen Geist im allgemeinen und die deutsche Literatur im besonderen eine Reise nach Frankfurt wert schien. Er begrüßte den Bundespräsidenten, der — die Tradition seines großen Vorgängers aufrechterhaltend — mit seiner Gegenwart und dem Prestige seines hohen Amtes diese Messe ausgezeichnet hatte. Er begrüßte die verehrten Herren Minister und die Vertreter ausländischer Staaten, dann auch die „der Bundes- und Länderregierungen" (in Anführungszeichen, da der Plural , regierungen" uns kühn vorkommen will). Er begrüßte die Vertreter der Kirchen und der Verwaltungen und der Stadt Frankfurt. Er begrüßte, wo er doch so viel begrüßte, alle diejenigen, deren Anwesenheit auch eine Messe für pharmazeutische oder kulinarische Produkte geziert hätte. Irgend jemandem, vielleicht ihm selber, schien da noch eine begrüßenswerte Gruppe zu fehlen — vielleicht eine der vier oder fünf, die sich mit Literatur beschäftigen? Wie immer dem gewesen sein mag: die geredete Rede unterschied sich von der gedruckten dadurch, daß schnell noch „die Vertreter der Universität" eingefügt waren.
Im vergangenen Jahr hatte es Schwierigkeiten gegeben, wie denn nun am besten die Verlage zu bezeichnen seien, die nicht aus der Bundesrepublik und dennoch aus Deutschland stammen. Diesmal verzichtete man auf eine gemeinsame Bezeichnung; jeder Verlag stand in der Halle 5, einer Art „Halle Ost", für sich selber: viele, viele Namen, manche davon in Deutschland doppelt vorhanden, die meisten mit einem „VEB" versehen; und diejenigen, die den Stempel des „volkseigenen" Betriebes noch vermeiden konnten, mußten sich offenbar ganz besondere Mühe geben, in Titeln und Aufmachung an der Treue zum Staate der DDR keine Zweifel aufkommen zu lassen. Es war ein für den unbefangenen, aber nicht ganz uniformierten Besucher erschütternder Anblick (Hatten wir das nicht schon einmal, daß nur die Partei Verlage es sich zuweilen sogar leisten konnten, wider den Stachel der Partei zu locken?) Auf der Bühne passierte jedoch dieses Mal gar nichts; die eigentlichen Auseinandersetzungen fanden auch hier hinter den Kulissen statt.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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