Das gehört der Vergangenheit an
Datum und derweilen aber vollzieht sich nun auch — am sichtbarsten in England — eine Unterwühlung des Eigentums im Innern. Eigentum — das hatte einmal die Bedeutung, daß der Eigentümer sein Eigenleben führen, eine Familie gründen und mit Sicherheit sein Vermögen Kindern und Kindeskindern hinterlassen konnte. Und Eigentum in diesem Sinn hatte nicht nur der „Junker", nicht nur der „Kapitalist", sondern eine breite Schicht des Mittelstandes.
Die jetzige Schärfe der Besteuerung — insbesondere dort, wo eine stark progressive Einkommensteuer mit einer hohen Erbschaftsteuer kombiniert ist — hat nur in wenigen Ländern diese Möglichkeit bestehen lassen. Zumeist ist sie beschnitten oder zerstört in solchem Ausmaß, daß ein Feudalherr des 18 oder ein Unternehmer des 19. Jahrhunderts gewiß das heutige Steuersystem als Diebstahl, als staatlichen Diebstahl bezeichnet hätte.
Wichtiger noch für unseren Zusammenhang ist feine weitere Veränderung. Schumpeter hat davon gesprochen, daß eine „Verflüchtung des Eigentums" stattfindet, und zwar sowohl des industriellen wie des Konsumenten Eigentums. Der zweite Vorgang ist, zumindest in Europa, überdeutlich. Das eigene Haus der Eltern und Großehern, in dem Menschen, die noch im alten Jahrhundert geboren sind, aufwuchsen und sich entfalteten — dieses bürgerliche Heim mit seiner „häuslichen Atmosphäre", seiner Würde und seiner Enge, mit seiner Dienstbotenschar und seiner Gastlichkeit gehört der Vergangenheit an. Wer sich ein kleineres Haus noch leistet, weiß sehr wohl, mit welcher Belastung der Frau dieses Eigentum verknüpft ist, und sieht bereits deutlich, daß die nächste und erst recht die übernächste Generation das Auto, das Fernsehen und alle gadgets viel wichtiger nimmt als den einstmals beschaulichen Frieden des eigenen Hauses. Zum bürgerlichen Eigentum gehörte die Seßhaftigkeit als Grundlage der Dauer — der nomadisierte Mensch empfindet, was den Vordem als aisance des Lebens erschien, für sich als Last und Fessel.
Wenn dieses für das Konsumeigentum gilt, so braucht man offenbar eine rosenrote Brille liberaler Romantik, um überhaupt für möglich zu halten, daß just in diesem Augenblick es eine Möglichkeit gibt, das industrielle Eigentum, das Produktionseigentum, zu demokratisieren und zu popularisieren. Wieder seien dem Politiker alle Selbsttäuschungen belassen. Der Wissenschaftler aber sollte gerade angesichts der Re Konzentration der kurz zuvor entflochtenen Konzerne in der Bundesrepublik sich nicht verhehlen, daß nicht nur der Liberalismus, sondern auch der Ordo Liberalismus seine Zeit gehabt hat.
Die liberale Leistung ist groß gewesen; der Wiederaufbau der zerstörten Wirtschaft und sein atemberaubendes Tempo ist zu gutem Teil ihr zu danken — aber gibt es denn nicht zu denken, daß der Ordo Liberalismus im Ausland, abgesehen von einer kleinen Professorengruppe, nirgends stärkeren Anklang und gar keine politische Gefolgschaft gefunden hat? Seine Wirkung und seine Leistung war ( möglich, weil die Zerstörungen des Krieges noch einmal eine Situation geschaffen hatten, welche der GründerPeriode der siebziger Jahre in wesentlichen Punkten glich, und weil die Zerschlagung der Gewerkschaften unter demNazismus so gründlich gewesen war, daß die Arbeiter Organisationen durch Jahre hindurch nicht wägten, aus dem dauernd wachsenden Kuchen der Industrieproduktion sich ein größeres Stück herauszuschneiden. Aber die ungeheure Konzentration ist der unwiderlegliche Beweis, daß die „soziale" Marktwirtschaft der Mitte dieses Jahrhunderts nicht um ein Haar andere Resultate ergab als die „liberale" Wettbewerbswirtschaft des 19. Jahrhunderts, und daß die amerikanische Lehre sich wiederholt: man kann Kartelle verbieten oder beschränken, aber man kann nicht die Konzentration aufhalten, wenn diese durch die Notwendigkeit, eine lawinenartig sich vermehrende Bevölkerung mit einer Vielzahl von Produkten verhältnismäßig wohlfeil zu versorgen, einen dauernd wirksamen Anstoß erhält.
Wenn der Zusammenschluß selbständiger Unternehmungen unmöglich ist, erfolgt die kapitalmäßige Übernahme — statt des Kartells bildet sich ein Trust, ein großer Konzern. Vor 50 Jahren konnte dies geschehen, ohne daß sich die allgemeine Stellung zum Eigentum geändert hat — heute ist die Aushöhlung des Produktionseigentums untrennbar damit verbunden.
Dies in mehrfacher Hinsicht. Schon bei der Wandlung des Eigentümer Unternehmers zum DirektorUnternehmer, von der wir gesprochen haben, darf nicht vergessen werden, daß diese Veränderung des Typs auch eine Veränderung der Haltung zum Eigentum zur Folge hat. Ich sagte und wiederhole: das konzentrierte Unternehmen, der Konzern ist objektiviert, und ich gebe allen denen, für welche die Konzentration eine Art von teuflischem Machwerk darstellt, sehr zu bedenken, daß diese Objektivierung vom Standpunkt der Volkswirtschaft aus ihre großen Vorzüge besitzt. Schumpeter hat bekanntlich mehrere Argumente zugunsten des Monopolkapitalismus ins Feld geführt. Für unbestreitbar halte ich sein Ergebnis, daß die Großunternehmung zum stärksten Motor des wirtschaftlichen Fortschritts und insbesondere der langfristigen Ausdehnung der Gesamtproduktion geworden ist, und ich würde nur ergänzend hinzufügen, daß diese Feststellung für die Gesamtheit des modernen Industrialismus, für den kapitalistischen wie den kommunistischen, gilt.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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