Diskussion um die Aufroeriune der Mark Das Interesse der Gesamtwirtschaft

Die Meinung eines Bankfachmannes: Verzicht auf Aufwertung bedeutet weitere Subventionierung der Ausfuhr

Die folgenden Ausführungen sind unter anderem eine Entgegnung auf den in Nr. 35 der ZEIT erschienenen Aufsatz von HansHelmut Kuhnke Deutschland braucht Exportüberschüsse". Da der Verfasser dieser Entgegnung, würde seine Identität bekannt, unfreundliche geschäftliche Reaktionen der Exporteurkunden gegenüber seiner Bank zu befürchten hätte, sehen wir uns ausnahmsweise dazu gezwungen, auf die Bekanntgabe seines Namens zu verzichten, Alle Wirtschaftskreise, die nicht zur Landwirtschaft gehören— auch Industrieund Außenhandel — kritisieren die Subventionen. Man betont mit Recht, daß die durch Subventionen verfälschten Preise für landwirtschaftliche Produkte und die Mieten für Wohnungen nicht zur Marktwirtschaft passen. Aber verhält es sich nicht mit den Preisen für die ausländischen Währungen — mit den Devisenkursen also — ganz ähnlich? Daß die Ausfuhrwirtschaft ununterbrochen seit 1949 für l Dollar rd. 4 20 DM erhält, ist nur möglich, weil die Bundesbank seit Jahren neben den Importeuren als Käufer auf dem Devisenmarkt auftritt. Ohne diese Käufe — Eingriffe der Bundesbank in den Devisenmarkt — würden die Exporteure vielleicht 5 oder 10 vH weniger D Mark für ihre Devisen erhalten.

Als seinerzeit die Kurse offiziell festgesetzt wurden, hat man sie für marktgerecht gehalten. In der Praxis hat jedoch die Bundesbank zur Erhaltung der Kurse seit Jahren erhebliche Beträge an Devisen in ihre eigene Kasse übernehmen müssen — mit der einzigen Ausnahme von 1959, als Bund und Bundesbank eine einmalige und außerordentliche Anstrengung zu einem übernatürlichen Devisenverbrauch unternahmen. Die von der Bundesbank garantierten Kurse haben sich als ein garantierter Mindestpreis für die Devisen der Exporteure ausgewirkt — und sind damit ebenso zu einer Subvention geworden wie die Zuschüsse für die Landwirtschaft und den Wohnungsbau.

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Die einen werden ebenso energisch verteidigt wie die anderen. Wenn seit 1949 die ausländischen Währungen gegenüber der D Mark an Wert verloren haben, dann müßte es doch marktgerecht sein, daß man für eingenommene Devisen weniger D Mark erhält oder daß der ausländische Käufer mehr Devisen zahlen muß als vor elf Jahren, um den geforderten D Mark Preis aufzubringen. Das wäre keine Benachteiligung unseres Exports! Dagegen ist es eine künstliche Stützung der Exportwirtschaft, wenn sie für die „billiger" gewordenen Devisen den gleichen D Mark Betrag, erhält wie seit Jahren. Der einzige wesentliche Unterschied gegenüber den Subventionen an Landwirtschaft und Wohnungsbau liegt darin, daß diese vom Staat, also aus Steuermitteln, gegeben werden, die Kursstützung zugunsten der Exportwirtschaft dagegen von Seiten der Bundesbank, also durch Geldschöpfung erfolgt. Dieses Geld wirkt natürlich inflatorisch; und die Bundesbank ist daher nach Kräften bemüht, das neu geschöpfte Geld an anderer Stelle (d h nicht bei der Exportwirtschaft) wieder einzuziehen. Durch Mindestreserve Bestimmungen und Offenmarkt Verkäufe hat sie den Banken bald 20 Milliarden DM abgenommen, mit denen die Devisenankäufe der Bundesbank nachträglich finanziert werden müssen — zwangsfinanziert werden müssen! Da von der Bundesbank selbst zugegeben wird, daß die Devisenkäufe die Hauptursäche für die Abschöpfungs Operationen sind, und da diese Abschöpfungen zu Lasten der gesamten Wirtschaft gehen, kann man auf die Dauer nicht von einem gesamtwirtschaftlichen Interesse, an der Aufrechterhaltung des Wechselkurses sprechen. Von selten der Aufwertungsgegner wird die Aufgabe des bisherigen Kurses immer als Manipulation und gefährliches Experiment bezeichnet — während die Manipulation in Wirklichkeit gerade in der behördlichen Stüt7ung und im behördlichen Eingriff zur Neutralisierung ihrer inflationären Folgen besteht. Der oft vorgebrachte Einwand, daß eine Freigabe des Wechselkurses oder — wenn man einen festen Kurs haben will — auch eine Aufwertung auf einem marktgerechten Niveau zu einem unaufhörlichen Sinken des Kurses führen müsse, läßt sich nicht beweisen. Dasselbe hat man Professor Erhard prophezeit, als er 1948 die Preise freiließ. Freigabe der Preise wie der Kurse bedeutet nicht Chaos. Es wird auch darauf hingewiesen, daß das übermäßige Devisenangebot gar nicht auf unseren Export zurückzuführen sei, sondern zum überwiegenden Teil auf den Ausgaben der amerikanischen Truppen in Deutschland beruhe. Diese Ausgaben aber seien keine echten Exporterlöse; und sie seien im übrigen auch nur zeitbedingt. Es ist natürlich richtig, daß diese Devisen nicht über die „Exportwirtschaft" ins Land kommen; daß sie vor allem in der Statistik nicht unter „Export" zu finden sind. Aber schließlich werden von den Amerikanern in Deutschland ebenfalls deutsche Waren gekauft — wenn nicht bei den Exportunternehmen, so doch beim Kleinhandel, bei Hotels und beim Binnenhandel überhaupt. Wenn ausländische Käufer als amerikanische Soldaten nach Deutschland kommen und hier einkaufen, dann sehen ihre Käufe zwar nicht wie Export aus (und dann kaufen sie auch keine Investitions, sondern Konsumgüter), aber um Export handelt es sich eben doch. Soll man dann fordern, daß diese sog „Truppen Dollar" nicht vom Devisenmarkt aufgenommen werden sollen, sondern von der Bundesbank — die sie ihrerseits nur über die Zwangseintreibung von Mindestreserven finanzieren kann? Daß es sich bei alledem nur um eine zeitbedingte Erscheinung handelt, kann man angesichts der unbedingten Treue der Bundesrepublik gegenüber der Idee einer Integration des Westens und gegenüber der NATO kaum annehmen.

Die Forderung nach Kapitalexport „aus Gründen unserer Zahlungsbilanz" erscheint mir ein Wunschtraum zur Erhaltung der gegenwärtigen Devisenkurse zu sein, der sich in nennenswertem Umfang nicht verwirklichen läßt. Man kann logischerweise nicht in der einen Spalte der Zeitung ein Sinken unseres (im Verhältnis zum vergleichbaren Ausland) hohen Kapitalzinses erhoffen und gleichzeitig in der anderen Spalte eine sehr erhebliche Kapitalanläge von vielen Milliarden im Ausland propagieren. Dazu reicht das vorhandene Kapital nun einmal nicht aus — ganz abgesehen von der hohen Wahrscheinlichkeit, daß jede Kapitalanlage im Ausland auf die Dauer einen starkf n Devisenrückfluß auslösen wird. Schließlich wird oft darauf hingewiesen, daß die Devisenbestände der Bundesbank nur für sieben Monatsimporte reichten. Das besagt, daß, wenn wir erstens ab sofort keine Tonne Ware mehr exportierten und zweitens als eines der größten kreditgebenden Länder der Welt ab sofort keinerlei Kredit mehr im Ausland hätten, wir dennoch sieben Monate lang unverändert alles ebenso reichlich und zu denselben Preisen importieren körinten wie bisher. Man sehe sich einmal unsere großen Importhäuser daraufhin an, wie lange sie ohne irgendwelche Verkäufe und ohne eine einzige D Mark Kredit unverändert ihre Einkäufe tätigen könnten. Das Ergebnis wäre „erschreckend" — jedenfalls für jene, die so rechnen wollen.

Es ist auch durchaus falsch, zu sagen, derDevisen bestand der Bundesbank sei ein Ersatz für die noch geringen, Auslandsguthaben der Wirtschaft. In Wirklichkeit verhält es sich ganz anders: je höher der Devisenturm der Bundesbank wächst, um so zurück naltender wird die Wirtschaft gegenüber ihren Devisenbeständen. Denn ordentliche Kaufleute müssen trotz aller Dementis damit rechnen, daß die ; Preise einer übermäßig angebotenen Ware — also der Devisen — einmal fallen könnten. Und außer- ; dem hat es sich seinerzeit in Frankreich gezeigt und zeigt es sich unentwegt in Südamerika, daß nicht Devisenreserven, sondern eine Devisenknappheit der Notenbank die Auslandsanlagen der Wirtschaft fördert. Natürlich soll dieser Zusammenhang nicht ; als Empfehlung verstanden werden; aber er ist zur Entkräftung der These von der Notwendigkeit i hoher Devisenbestände der Bundesbank festzuhalten ; Ob die Exportwirtschaft, die als potentieller Hauptleidtragender natürlich mit allem Nachdruck für die Beibehaltung der geltenden Devisenkurse kämpft, statt dessen nicht ein geheimes Grauen im Hinblick auf den großen Devisenbestand der Notenbank empfinden sollte? Hier bildet sich eine mögliche, übermächtige Konkurrenz für das eigene Devisenangebot, die den Markt empfindlich verderben könnte, wenn einmal politische oder unumgängliche gesamtwirtschaftliche Gründe dazu zwingen sollten. Der Verzicht auf den bisherigen garantierten Preis für die Devisen wäre natürlich ein schwerer Schlag — das ist gar nicht zu bestreiten—; die Treibhauspflanze gewöhnt sich nicht leicht an die Witterung, wenn man die schützende Glaswand entfernt. Aber vielleicht sollte man sich zu einem solchen Schritt dennoch entschließen, solange noch der Sommer der Hochkonjunktur herrscht und nicht warten, bis einen bei kälterer Witterung „die Umstände" dazu zwingen. Dann wären die Folgen noch weit schlimmer. Die Empfehlung, man solle abwarten, bis die Devisenüberschüsse von selbst aufhören und bis dahin auf die Wirksamkeit weiterer Manipulationen hoffen, scheint mir nach bald zehnjähriger Erfahrung mit diesem Rezept nicht mehr sehr überzeugend.

Noch ein Wort zur oft vorgebrachten Warnung, man solle am Wechselkurs nicht herumdrehen und spielen wie an einem Wasserhahn. Das kann doch nur bedeuten, daß man das freie Spiel von Angebot und Nachfrage am Devisenmarkt ohne Intervention der Notenbank als Spielerei ansieht! Wenn man schon den Wasserhahn von Amts wegen fest einstellen will, dann sollte man sich dabei doch nach dem Markt richten! Sonst muß man nämlich an allen möglichen anderen Hähnen drehen, um die überschüssigen Wassermengen, die durch den falsch eingestellten Hahn einströmen, abzulenken. Und eben dieses Drehen und Manipulieren wird zur Zeit ausgiebig geübt; es sind beständige Eingriffe in den freien Markt zu verzeichnen, in den Devisenmarkt, den Geldmarkt und wohl bald auch in den Kapitalmarkt.

Es gibt sogar schon viele Leute, die eine „leichte Verwässerung" des Wertes der D Mark für gar nicht so abwegig und gefährlich halten. Das wäre der leichteste Ausweg „Unmerklich" würde die D Mark auf dasjenige Niveau absinken, das die gefürchtete Korrektur der Devisenkurse überflüssig macht. Die mühsamen und viel kritisierten Ab schöpfungsmauöver der Bundesbank könnten dann aufhören. Den Schaden aber hätte die gesamte Volkswirtschaft. Das ist die große Gefahr für die Gesamtwirtschaft, die den Verlusten der AusfuhrWirtschaft aus einer DM Aufwertung gegenübersteht.

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