Die Krise in Laos
Jetzt ist das Land dreigeteilt: Regierung, Kommunisten und Anti-Kommunisten
~D evolutionen mögen im Kongo turbulenter, in Kuba blutiger, bei Kommunisten ideologisch fundierter sein, nirgends aber scheinen sie besser zu gedeihen als im hinterindischen Königreich Laos. Dort gehören sie, so scheint es, zu den schönen Künsten, und wer etwas auf sich hält, muß dabei einmal mitgemacht haben. Schließlich — wer auch immer rebelliert: Es bleibt meist in der Familie. Prinz Souvanna Vong, der Führer der kommunistischen Pathet Lao R ebellen, ist ein Halbbruder des amtierenden neutraUnd Prinz Bon Oum, der den antikommunistihat einen Bruder in der Regierung Souvanna Phoumas, der dort für Fragen der Staatssicherheit zuständig ist.
Tatsache ist: Die Politiker von Laos sprechen wieder von einer Krise. Und es wird berichtet, Antikommunisten und Regierungstruppen hätten sich eine Schlacht uni die Hauptstadt Vientiane geliefert, bei der tatsächlich geschossen worden sei. Nun, das Gegenteil ist nicht zu beweisen, und wahr ist auch: Laos steckt, seit es im Jahr 1953 unabhängig wurde, in der Krise.
Da gab es eine laotische Befreiungsarmee, PatfoeLeto Bewegung genannt, die, unterstützt von den Vietminhs, noch zu Zeiten der französischen Herrschaft den Norden des Landes unsicher machte. Der Genfer Vertrag von 1954 setzte den Kämpfen in Indochina — auch in Laos — ein Ende. Zwei der nördlichen Provinzen blieben jedoch unter kommunistischer Kontrolle. Das innenpolitische Gleichgewicht aber blieb labil. Und die Politiker in der Hauptstadt Vientiane hatten so unrecht nicht, wenn sie weiter von Krisen sprachen und die USA dazu veranlaßten, in ihrem Auslandshilfeprogramm Laos reichlich zu bedenken. Schließlich — im November 1957 — kam es zu einem Vertrag zwischen der Zentralregierung und den kommunistischen Provinzen, es kam zu einem „Modellfall" der Wiedervereinigung. Der Preis für die Einheit war: außenpolitische Neutralität des Landes, Eingliederung der kommunistischen Truppen in die Armee, Einzug der Kommunisten ins Parlament.
Die Einheit war erreicht, aber die Machtkämpfe begannen nun erst recht. Der antikommunistische Ministerpräsident Sananikone setzte auf die Amerikaner und drängte die Kommunisten aus der Verwaltung hinaus. Ein Teil der Pathet Lao Truppen entzog sich der Eingliederung in die Armee und entwich in den Dschungel. Der Guerillakrieg begann von neuem. Die Regierung von Laos protestierte vor den UN: Nordvietnam unterstütze die Rebellen.
Eine UN Kommission reiste an. Von dem Beweismaterial, das die laotische Regierung sorgfältig gesammelt hatte, ließ sie freilich nicht viel. gelten. Ein paar Handfeuerwaffen und ein paar Tornister aus Nordvietnam — das war alles, was Gnade vor den Augen der Kommission fand. Die Rebellen aber waren plötzlich spurlos verschwunden. Und manche Korrespondenten in Laos kamen damals zu dem Schluß, daß die Regierung in Vientiane ziemlich übertrieben habe, um amerikanische Dollars locker zu machen (Tatsächlich erhält Laos — umgerechnet auf den Kopf der Bevölkerung- den höchsten Anteil an der USAuslandshilfe: insgesamt rund 40 Millionen Dollar pro Jahr ) Sicher ist indes, daß die Alarmmeldung: in: „Viel Lärm um nichts" So auch bei den jüngsten Meldungen: Da hatte ein Fallschirmjägerhauptmann, der in Europa noch unter die. Twens gerechnet würde, mit 850 Getreuen einen Staatsstreich inszeniert und einer neuen Regierung in den Sattel geholfen, in der zunächst Kommunistenfreunde und gegner gemeinsam sitzen sollten. Man verhandelte ein wenig. Schließlich schien es den Antikommunisten an der Zeit, auch eine Revolution zu machen. Das alles klingt höchst Operettenhaft. Aber die Operette hat ihre makabren Untertöne: Jetzt ist das Land, das einmal wiedervereinigt war, in drei Lager gespalten. Und es scheint fastscy als ob diese "Operette nicht nur eine laotische Privatäufführung bleiben würde.
Marschall Sarit, der starke Mann des Nachbarlandes Siam, macht kein Hehl daraus, daß der Kampf mit dem Kommunismus zunächst einmal in Laos ausgefochten werden soll (Und Siarn ist Mitglied des SEATO Paktes, der die Grenzen von Laos garantiert, obwohl das Land selbst nicht unmittelbar Mitglied des Paktes ist ) Die kommunistischen Rebellen dagegen scheinen ihre Guerillatätigkeit im Norden des Landes, mit der sie bis her einen Teil der Regierungstruppen gefesselt hielten, vorerst eingestellt zu haben, was einer indirekten Unterstützung der Regierung gegen die Antikommunisten gleichkommt ; Voraussagen sind schwer. Sicher ist nur soviel:; Ob nun die antikommunistischen Rebellen oder die Zentralregierung den kürzeren zieht —- die Kommunisten sind noch nicht geschlagen. Mit anderen Worten: Krise in Laos geht weiter. Rolf Zundel
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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