Ostblocks Erwachen: Guten Morgen! Wem drohen wir heute Duell vor 60 Millionen
Kennedy und Nixon gemeinsam im Fernsehen — Gnadenlose Kameras / Von Egon Vacek New York, im September
Selbst Marylin Monroes provozierende Aufforderung in New York „Lets make love" zog am Abend des 27. September nicht mehr: amBroadway blieb jeder zweite Theaterstuhl frei. Nach Ansicht der rührigen Meinungsforscher hat an diesem Abend jeder dritte Amerikaner vor dem Fernsehschirm gesessen und eine bisläng einmalige Szene in der amerikanischen Wahlkampfgeschichte miterlebt: Die Bewerber um das Weiße Haus stellten sich zum erstenmal gemeinsam ihren Wählern, stellten sich sechzig Minuten lang ihren gegenseitigen Fragen und denen ihrer Interviewer. Sechzig Minuteri es schien eine Ewigkeit, in der die Kameras die Gesichter von John F. Kennedy und Richard Nixon gnadenlos abtasteten und den 60 Millionen Zuschauern jede Regung im Gesicht, jeden Schweißausbruch sichtbar machten. Hier half den Kandidaten kein Gehirntrust mehr und kein gescheites Manuskript. Hier wurde hart gefragt und wurden klare Antworten erwartet. Es begann mit einer Panne. Im Fernsehstudio der CBS in Chikago, einem früheren Reitstall, konnten Journalisten und Techniker durch ein „Versehen" auch das hören, was Kennedy und Nixon vor ihrem großen Auftritt und bei ihrer ersten Begegnung im Wahlkampf zueinander sagten.
braun, sondern nur schlecht rasiert. Ich glaube, ich sollte mich noch einmal rasieren (Zu einem Techniker:) Könnten die Kameras, nicht abschwenken, wenn ich mir das Gesicht wische? Ich schwitze immer so „Tut uns leid, Mr. Nixon, das geht nicht " So sahen denn 60 Millionen wenige Minuten später, wie Dick Nixon der Schweiß ausbrach und sein Kinn nie mehr trocken wurde. Acht Minuten durfte zu Beginn der Sendung jeder Kandidat grundsätzliche Ausführungen machen, und noch einmal dreieinhalb Minuten zum Abschluß. Dazwischen lagen Fragen, die von den politischen Redakteuren der drei großen amerikanischen Fernsehgesellschaften gestellt wurden, dazwischen lagen Möglichkeit und Gefahr, seine Gegner mit Frage oder Antwort in Verlegenheit zu bringen. Diese erste von insgesamt vier Fernsehbegegnungen der beider! Kandidaten war auf die Innenpolitik beschränkt. Hilfe für die Farmer, Lehrerbesoldung, Bürgerrechte. Kennedy trat für eine stärkere Lenkung durch die Regierung ein, Nixon appellierte an die Privatinitiative. Was beide zu sagen hatten, war nicht neu, es zählte das Wie. Und ohne Zweifel hat sich der Kandidat der Demokraten, Kennedy, in diesem ersten. Duell besser geschlagen: er war immer in der Offensive, Nixon antwortete auf seine Fragen, auf seine Vorwürfe, er ging sogar so weit, seine Antworten mit der Bemerkung einzuleiten: „Ich bin fast der Meinung des Senators, wenngleich ich auch Aber diese Nuancen gingen dem Massenpublikum sowieso verloren.
Beide Kandidaten standen vor Stehpulten, etwa zehn Meter auseinander, wie Angeklagte vor den Geschworenen. Wenn Nixon sprach, biß sich die Kamera genüßlich am Gesicht Kennedys fest, der immer leicht spöttisch lächelte, entweder amüsiert oder verwundert wirkte, und blendend aussah. Wenn Kennedy sprach, zeigte die Kamera einen Nixon, der nicht mehr der „Tricky Dicky" war, nicht mehr der energiegeladene „Küdien Debattierer" aus Moskau, der es versteht, auf einen groben Klotz einen noch gröberen Keil zu setzen. Nixon wirkte müde und abgespannt, und schon stellten die Auguren die Frage: Sollte seine Knieverletzung etwa enthüllt haben, daß er unter Leukämie leidet? Nixons Augen wanderten unruhig hin und her (während Kennedys unverschämt strahlten), Nixon war bleich, Kennedy sonnengebräunt. Nixon stand der Schweiß im Gesicht, Kennedy wirkte ruhig, entspannt und außerordentlich bestimmt in seinen Antworten; Aber ein Sieg im Fernsehen ist noch kein Sieg an der Urne.
Sollte der vakante Posten des Flüchtlingsministers wieder besetzt werden oder nicht? Diese Frage ist während der letzten Tage und Wochen von vielen negativ beantwortet worden. Die so urteilen, haben, offenbar nicht bedacht, daß — gerade wenn sie über die Entwicklung der Landsmannschaften besorgt sind — ihnen daran gelegen sein müßte, diese sonst außerhalb offizieller Verantwortung stehenden Verbände durch eine Spitze im Kabinett zu verankern und sie so unter Kontrolle zu stellen.
Dies nur als Beitrag zur theoretischen Debatte. Praktisch ist die Entscheidung bereits gefallen: Der Bundeskanzler hat entschieden, es wird einen neuen Flüchtlingsminister geben. D 7"er hätte gedacht, daß die Neutralen je so umworben sein würden, ausgerechnet in USA. Noch ist es nicht gar so lange her, daß Nehru nur mit äußerstem Mißtrauen empfangen und von vielen Amerikanern als fellow traveller geächtet wurde (jetzt verbringt er das Wochenende mit Präsident Eisenhower auf dessen Farm). Noch haben wir deutlich in Erinnerung die Kontroverse über den Assuan Damm zwischen Dulles und Nasser, der sich nicht in die Front des Westens einreihen wollte, und die Aufstände in Amman und Bagdad, wo die Opposition gegen den Militärpakt mit Großbritannien den Kommunisten die Agitation leicbtmachte.
Damals hieß es, wer nicht für mich ist, ist wider mich. Eine selbstmörderische These, denn wer konnte erwarten, daß die eben erst „frei" gewordenen Staaten Asiens und Afrikas sich voller Begeisterung auf die Seite der ehemaligen Kolonialmächte stellen würden. Inzwischen hat man in Washington umgelernt — in letzter Stunde umgelernt. Jetzt weiß man, daß wer von den neutralen Staaten nicht wider den Westen ist, ein potentieller Freund von morgen sein kann. Und man hat erkannt, daß positiver Neutralismus, wie Nehru und Nasser ihn jahrelang gepredigt haben, ein guter Bundesgenosse gegen imperiale Herrschaftsgelüste des Ostens ist.
Wie sich denn überhaupt zeigt, daß die jungen neutralen Staaten sich weniger durch die positiven Pläne der rivalisierenden Großmächte anlocken, als durch deren egoistische Machtansprüche abschrecken lassen. So sind augenblicklich die politischen Fehler der Sowjets im Kongo und bei der UN zum Vorteil des Westens geworden. D ff „Wir sprechen nicht Französisch, und deshalb ist uns das Wort Revanche fremd. Wir sprechen nicht . Italienisch, und deshalb kennen wir den Begriff viele Leiden verursacht hat. Wir sprechen Deutsch und kennen daher nur die Worte Heimat und Heimweh " Dies der Absatz aus der Frankfurter Rede Seebohms, der zu einem offiziellen Protest der italienischen Regierung in Bonn führte. Offengestanden: wir sind Schlimmeres gewöhnt.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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