Ein Blick ein Druck ein Photo
Blick — ein Druck — ein Photo! Erstäunlieh, wie einfach das heute geht. Wer einst die Qual der Wah) zwischen unzählig verschiedenen Einstellungen hatte, ist jetzt fein heraus. Alles nimmt ihm die Kamera ab, dieses Wunderding, diese „Weltsensation" wie ein Prospekt versichert, „deren Belichtungsvallautomatik verwirrende Zahlen und umständliche Handgriffe ersetzt". Wir lesen weiter: „Alle Fessel, die der Photographie noch anhafteten, sind gefallen! Mit dieser Kamera werden Ihre Photos garantiert schön, garantiert richtig beliebtet, bei jedem Wetter, Sie vollbringen Spitzenleistungen Potztausend! Eine solche Kamera müßte man haben. Ein Zauberstab, der sogar die Zauberformel entbehrlich macht, der die tollsten Photos zuwege bringt. Und kein Trick ist dabei, kein doppelter Boden.
Sehen wir uns einmal nüchtern an, was die Photo Industrie da ausgeknobelt hat. Die automatische Kamera präsentiert sich von etwa 170 Mark an aufwärts als Meisterleistung feinmechanischer Präzisionsarbeit. Ihr Herzstück ist ein Spezialverschluß, der mit einem eingebauten photoelektrischen Belichtungstnesser und dem Blendenring gekoppelt ist.
Um ihre Arbeitsweise zu verstehen, brauchen wir nur ein paar Regeln zu beherrschen, wie sie jeder Anfängerkursus bietet. Die Kamera ist auf eine bestimmte Helligkeit des Motivs angewiesen, damit ein B ild auf dem Film entstehen kann. Reicht das Licht nicht aus, so gibt es dunkle, unterbelichtete Photos; ist das Licht zu stark, entstehen überbelichtete. Um das einfallende Licht auf die jewcils günstigste Lichtmenge zu dosieren, gibt es die Blende.
Bei den ehrwürdigen nichtautomatischen Modellen muß der Öffnungsgrad der Blende „von Hand" eingestellt werden. Den ßiendenwert bei den jeweils herrschende! LichtverhäJtnissen nennt der Belichtungsmesser. Dabei will freilich bedacht sein, welche Belichtungszeit man zu wählen gedenkt, Blende und Verschluß stehen in enger "Wechselbeziehung, deren Mißachtung sich in mißratenen Aufnahmen rächt — solange keine besondere Wirkung dadurch bezweckt ist. Das ist für den Photojünger kleines Einmaleins, Wenn bei den hichtautomatischen Kameras vor das Photo ein Denkakt gesetzt war, der entschied, welche Paarung von Belichtungszeit und Blende die geeignetste sei, so fällt dieser Denkakt bei der Automatischen weg. Diese Kamera nimmt ihrem Besitzer das Denken ab.
Praktisch sieht das so aus: Ein Blick durch den Sucher läßt außer dem Bildausschnitt ein grünes oder rotes Signalzeichen erkennen. Grün bedeutet: „Licht reicht aus, freie Bahn für den Druck auf den Auslöser Rot bedeutet; „Stop, zuwenig Licht, es muß geblitzt werden, oder die Aufnahme muß unterbleiben Bei Grün erledigt der Knopfdruck alles Weitere. Blitzschnell stellt ein Mechanismus die passende Paarung von Beiichtungszeit und Blende her und löst aus. Und die Entfernung? Auch kein Problem! Entweder sorgt die relativ kurze Brennweite des Objektivs ohnehin für großen Schärfebereich, oder man stellt die Entfernung am Objektiv anhand von Symbolen ein: Porträt, Gruppe, Landschaft. Bei einem besonders ausgeklügelten Kameramodell sind die Symbole für die Entfernungseinsteliungen aui vier AuslöserknÖpfe an der Frontplatte eingraviert — einfacher gehts wirklich nicht.
Was aber gewinnt der stolze Photograph rnit seiner Automatischen? Wird er nicht zu „Null achtfünfzehn Photos" vergewaltigt, zu Dutzendbildern ohne eigene Note? Bedenken wir: Mit einer automatischen Kamera kann man die von ihrem Mechanismus diktierte Paarung von Blende und Belichtttngszeit nicht willkürlich ändern. Man kann also keine besonderen Effekte erzielen wie bewußte Unscharfen oder verschobene Schärfenzonen, belaßte Verwicklungen, bewußte Unter- oder Überbelichtungen. Es gibt keim Wechseloptik mit ihren perspektivischen Möglichkeiten i Es bestehen ganz allgemein wenig individuelle Eingriffsmöglichkeiten in den photagraphischen Natürlich gibt es — zumindest bei einigen Modellen —. Hintertürdien, um aus dem starren Schema auszubrechen. Dann ist alles beim altejn. Eine Täuschung der Automatischen gelingt zu;m Beispiel allein dadurch, daß man den eütgesteüt n Empfindlichkeitsgrad des Films verändert — bfei ailedem kommen wir aber schon wieder zu Manipulationen, die einen Denkakt voraussetzen. Und den wollten wir doch so gern vermeiden ; Es gibt natürlich auch etwas „Positives" an der automatischen Kamera. Denken wir nur an die vielen Urlaubsfahrer und Sonntagsphotographen, die sich kaum dafür interessieren, wie ihr Bild zustande kommt und wie man es beeinflussen könnte, sondern die sich einfadi über das fertige Produkt freuen wollen. Sie alle werden froh sein, eine Kamera zu besitzen, die es ihnen abnimmt, bis drei zählen zu müssen (Blende — Verschluß — Entfernung). Es gibt sogar Argumente, die den automatischen Apparat selbst anspruchsvollen Photofreuden schmackhaft machen können: Weil die zeitraubende Einstellung von Blende und Belichtungs7 en wegfällt, kann man noch leichter als bisher zu guten Schnappschüssen kommen. Die schnelle Bewegung des Objektes läßt sich konzentrierter verfolgen, der „fruchtbare Augenblick" läßt sich zielsicherer erhäschen.
Was wir aber beklagen, das ist die Verwiisserung des guten Geschmacks, die sich mit der zunehmenden Perfektion der photographischen Technik aushreitet. Was wir beklagen, ist das Vorüberhetzen am Schönen und Betrachtungswürdigen, das Versäumen von Erlebnissen, die hastig hineingeknipst werden in die unersättlichen Kästen, Die Kamera hat es ja notiert, sie wird „kein Erlebnis verlieren". Hat man es überhaupt erlebt, um es bewahren zu können? 7"
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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