Ein trojanisches Pferd und 16 Atomschläge

Eindrücke vom NATO-Herbstmanöver „Hold fast" in Schleswig-Holsten / Von Heinz Michaels

Mir war gar nicht wohl in meiner Haut. Immer lVX ich ; n Jen Rückspiegel meines Wagens blickte ,sah ich nur eine rollende Panzerkette. Eingeklemmt zwischen zwei M 47 Panzer betrieb ich „Aufklärung" gegen die nach Norden durchgebrochene Panzerspitze des „Feindes". Es war im Manöver „Hold fast" und der „Feind" hieß einfach „Orange" — aus naheliegenden Gründen verzichtet man bei NATO Manövern darauf den „Angreifer" nach alter Manövertradition „Rot" zu nennen. Er wurde dargestellt von britischen und kanadischen Truppen, die über die Autobahn Hamburg Lübeck nach Norden zum Nordostseekanal yorstießen, „Blau" hatte den Auftrag, das Gebiet zwischen der Autobahn und der dänischen Grenze beweglich zu verteidigen. Dem Admiral Rogge, der an der Spitze eines alliierten deutsch dänischen Korps stand, hatte hierfür die deutsche 6. Panzergrenadierdivision und die dänische 3. Infanteriedivision zur Verfügung.

Wir waren an einem sonnigen, warmen Septembernachmittag zwischen Neumünster und Rendsburg mit einigen Panzern unterwegs, um gegen „Orange" aufzuklären. Als zivile Beobachter des Manövers hatten wir zuvor schon einmal „privat" aufgeklärt. Wir waren rund 50 Kilometer über schmale Straßen und Sandwege gefahren, um die „feindliche" Vorausabteilung ausfindig zu machen, bis wir an einer Wegbiegung plötzlich mitten in der Stellung waren.

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Ein Major saß in einer olivgrünen Wolljacke hinter einer Hecke am Wegesrand und gab über Funktelefon seine Befehle und Meldungen weiter. An seinem Barett baumelte eine rote Quaste — der Major war Kanadier.

Ringsum in dem leicht hügeligen, von Knicks durchzogenen Gelände hatte eine Panzerkompanie Igel Stellung bezogen. Grenadiere mit modernen rückstoßfreien Panzerabwehrgeschützen und Ba~ zookas sicherten Wege und Straßen. Erkannt hatte ich die Stellungen freilich erst, als ich das Gelände genau absuchte, auf den ersten Blick schien das Gefechtsfeld fast leer.

Südlich dieser Igel Stellung rollten wir nun über die Straßen. Hundertmeterweise ging es voran, und bei jedem Halt wurde die Panzerkette im Rückspiegel bedrohlich groß. Eine Straßenkreuzung: „Das Ganze Halt!" Die Rohre der Panzergeschütze drehten nach Nordosten „Orange" war gestellt. In den Funkgeräten des Führungswagens summte und brummte es unentwegt. Befehle und Meldungen ohne Pause. Ein Panzerbataillon mußte umdirigiert, die Kompanien auf das neue Ziel angesetzt werden. Bei den weiträumigen Bewegungen eine schwierige Operation für die nur auf Funk angewiesene Führung. Hin und wieder hörte man im Gerät eine Stimme mit hartem Akzent: „Orange" war in den Befehlsfunk der Brigade eingebrochen und versuchte, Verwirrung zu stiften. Dem Kompaniechef, einem Hauptmann, dessen Gesicht von Brandwunden aus dem letzten Krieg gezeichnet war, dauerte der Aufmarsch der eigenen Verbände offenbar zu lange „Da sollte man einen Atompilz daraufsetzen!" Ob es Erfolg gehabt hätte? Die Kanadier hatten mit solchen Überlegungen wohl gerechnet. Ihre Stellung schien nach dem Taktiklehrbuch für einen Atomkrieg angelegt. Weit auseinandergezogen bot sie viel Schutz gegen Strahlen.

Wie schwierig der Einsatz taktischer Atomwaffen ist, hatte am Vortage ein Unternehmen von „Orange" gezeigt. Der Divisionsstab der 6. Division sollte mit einer Atomrakete außer Gefecht gesetzt werden. Doch die Aufklärung war nicht genau genug gewesen: der Detonationspunkt lag zwei Kilometer neben dem Ggfechtsstand. Die Schiedsrichter zückten ihre Tabellen über die Wirkung von Atomwaffen und kamen zum Schluß: „Nur" zehn Prozent Verwundete, Zwar war unter anderem der Wohnwagen des Kommandierenden Generals „zerstört" worden, aber der General blieb wohlauf, da er gerade unterwegs gewesen war. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, als die deutschen Panzer endlich zum Angriff auf die kanadische Stellung bereitstanden. Im letzten Büchsenlicht fiel der erste Schuß. Es wurde ein richtiges Panzergefecht mit Blitzen und Knallen auf beiden Seiten, bis die Schiedsrichter schließlich entschieden, daß „Blau" gewonnen habe. Ob die Entscheidung der Realität entsprochen hätte, weiß ich nicht, aber das Übungsziel erforderte sie wohl.

Es war eines der letzten Gefechte dieses Manövers, das drei Tage zuvor mit einer Odysseischen Kriegslist begonnen hatte: Ein Fuder Stroh war das „Trojanische Pferd", darin verborgen rumpelten zwanzig britische Grenadiere auf einem Ackerwagen in den Rücken der „Blauen" und nahmen eine Brücke im Handstreich.

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