Eine Angestellten-Ideologie gibt es nicht
Audi die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft wird sie nicht formulieren können
Sind die Angestellten eine geschlossene soziologische Gruppe, oder sind sie es nicht? Die Frage ist umstritten und kommt immer dann wieder auf das Tapet, wenn eine der Organisationen, die Angestellteninteressen vertritt, tagend in die öffentliche Arena tritit Die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG), die in der vergangenen Woche ihren Siebten Kongreß in Karlsruhe abhielt ; hat diese Frage, nach dem Gesetz, nach- dem sie angetreten ist, erneut nachdrücklich bejaht, —- während über der Stadt ein vom Deutschen Gewerksehaftsbund (DGB) gecharterter Hubschrauber mit dem Spruchband: „Gemeinsarri "im DGB Effolg" die Gegenthese von der „soziologischen Gleichheit von Arbeitern und Angestellten"; verkündete . Indes, der Standort der Angestellten in der modernen Industriegesellschaft ist mit solchen generalisierenden Formeln nicht zu markieren. Man tut der Wirklichkeit ebenso Gewalt an, wenn man die Angestellten, etwa weil die Mechanisierung nun auch das Büro zunehmend „erobert", schlechthin als Arbeitnehmer klassifiziert, die von den Arbeitern lediglich noch durch einige und sich mehr und mehr angleichende arbeitsrechtliche Bestimmungen unterschieden sind, wie wenn man ihnen ein festes und einheitliches Gruppenbewußtsein unterstellt, das sie nun einmal, trotz vieler Gemeinsamkeiten im allgemeinen Verhalten und in der Berufsauffassung, nicht haben.
Diese breite und in sich differenzierte Schicht, die heute von der Stenotypistin und Verkäuferin bis zum leitenden Angestellten und Generaldirektor in einem Konzern reicht, läßt sich nicht über den Einheitsleisten einer Ideologie schlagen — auch deswegen schon nicht, weil das von den Angestellten eingenommene und nach beiden Seiten offene Feld „zwischen Kapital und Arbeit" breiten Raum auch für die verschiedensten politischen Kombinationen läßt. Eine Blockierung des unselbständigen Mittelstandes scheitert schon im Rahmen der Angestellten, wie auch beim selbständigen Mittelstand, an der Verschiedenheit der Interessen und der politischen Anschauungen.
Der soziologischen Situation entspricht das organisatorische Bild. Nur etwa, ein Viertel der fünf Millionen Angestellten in der Bundesrepublik gehören überhaupt einer Gewerkschaft oder einem gewerkschaftsähnlichen Verband an. AngestelltenInteressen werden vertreten von den im DGB vereinigten Industriegewerkschaften, von der DAG (die ihre Mitgliederzahl jetzt mit rund 450 000 angab), von dem Deutschen Handlungsgehilfen und Industrie AngestelltenTVerband (DHV) und von dem Verband der leitenden Angestellten. (Diese Aufzählung macht keinen Anspruch auf Vollzähligkeit!) Jede dieser Organisationen hat ihre besonderen gesellschaftspolitischen Vorstellungen.
Auch die Ausführungen, die der neu gewählte erste Vorsitzende der DAG Rolf Spaethen in Karlsruhe machte — er war als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung schon lange Jahre der tonangebende Mann der DAG und deswegen bedeutet seine „Machtübernahme" wohl eher eine Bestätigung des alten Kurses als eine Neuorientierung —, ließen allen Einheitsbestrebungen und Beteuerungen der parteipolitischen Neutralität zum Trotz genügend spezifische Farbe erkennen, die nicht die Farbe aller Angestellten sein kann. Das grundsätzliche Ja zur freiheitlichen Wirtschaftsordnung, zur Marktwirtschaft md zu einer breiten Vermögensstreüung — den Industriegewerkschaften kommen auch schon solche allgemeinen und darum wenig verpflich;enden „Bekenntnisse" schwer über die Lippen — tann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Marktwirtschaftlichen und eigentumspolitischen Ideen dieser Gewerkschaft in concreto ihre eigenwilligen Besonderheiten haben.
Das Plädoyer für das zügige Wahrnehmen der „Marktchancen" mit gutem Gewissen auf dem Arbeitsmarkt — der bekanntlich zur Zeit im Zeichen einer starken Übernachfrage nach Arbeitskräften steht — hat als grundsätzliches marktwirtschaftliches Glaubensbekenntnis wenig Oberzeugungskraft, wenn man gleichzeitig auf dem Wohnungsmarkt die Marktgesetze so lange mßer Kraft gesetzt zu sehen wünscht, als Angebot und Nachfrage nicht im Gleichgewicht sind. Und das „Miteigentum", das offenbar nach wie vor den Kern der von der DAG propagierten Eigentumspolitik ausmacht, schafft weniger neues Eigentum in eigener Verfügung, sondern beraubt mehr das vorhandene seiner eigentlichen Funktion. Es gibt jedenfalls viele Angestellte, die vom Eigentum andere Vorstellungen haben. Es bleibt das Schicksal aller Angestellten Orga nisationen, getrennt marschieren zu müssen. Eine einheitliche Angestellten Ideologie gibt es nicht; auch die DAG wird sie nicht formulieren können. Wolfgang Krüger
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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