Erich Kästners Ehrung
TäucHt in einer Versammlung von Eltern und Erziehern der Name Kästner auf, so gibt es sofort zwei Lager: Die einen berichten, daß die schon in ihrer Jugend zerlesenen Exemplare seiner Kinderromane daheim auf dem Bücherbord auf die nächste Generation warten. Die anderen erklären dagegen: Meine Kinder bekommen die Machwerke dieses Asphaltliteraten nicht in die Hand (unter diesem Begriff Asphaltliterat wurden 1933 seine Bücher verboten und verbrannt). Die Kinder der meisten von ihnen müssen jedoch auf dem Asphalt aufwachsen und lesen und lieben gewiß Kästner trotz allen Verboten. Ein kleiner Berliner sagte: „Meine Schwester und ich haben den Emil gelesen. Es war ein knorkes Buch. Ich habe mir die Stellen in Berlin angesehen. In der Schumannstraße 15 war ich auch, Pony Hütdien habe ich aber leider nicht gesehen, ich hätte sonst mit ihr gespielt, Und ein Braunschweiger: „Wir haben Emil und die Detektive gelesen. Es war so spannend, daß unser Lehrer auf unser Drängen hin vier Stunden lang vorlesen mußte und dann vor Heiserkeit kein Wort mehr sagen konnte. Körinen Sie noch eine Fortsetzung schreiben?" Und ein Frankfurter fragte: „Onkel Kästner, wann schreibst du ein neues Buch?" Im Lager der Freunde finden wir neben den Kindern hervorragende Kenner und Kritiker von Kinderbüchern, unter ihnen Irene Dyhrenfurth und Bettina Hürlimcmn, die übereinstimmend betonen, wie überzeugend es Kästner gelinge, Begeisterung für das Gute und Rechte zu wecken. Sein Buch „Als ich ein kleiner Junge war" wird von ihnen übereinstimmend als eines der schönsten Werke der modernen Jugendliteratur bezeichnet.
Im Lager der Gegner steht eine Schar von moralisierenden und zumeist auch phantasielosen Pädagogen. Kästner, so meinen sie, versäume es etwa, in der lustigen Jungengeschichte „Das fliegende Klassenzimmer" (obwohl er sie selber eim wirkliche Weihnachtsgeschichte nennt) von der Offenbarung auszugehen . Er begehe eine Blasphemie, indem er seine Doppelten Lottehen" beten und zugleich Daumen halten läßt — wo doci so mancher von uns noch weiß, wie nahe den Beten in Augenblicken größter Not für achtjährige Kinder solche magischen Praktiken sind. Er wage es im „35. Mai", mit einer verkehrten Welt die Kinder gegen ihre Eltern aufzuhetzen. In der „Konferenz der Tiere" bekennt er sich zudem als Pazifist, was heute schon wieder suspekt is:. Trotzdem: schriebe Kästner jetzt ein neues Kinderbuch, so würden sich die besten Verleger darum reißen. Vor 30 Jahren war das ein bißchen anders. Aber immerhin hatte 1928 der Verlag Williams & Co (heute Cecilie Dressler) den Mut, „Emil und die Detektive" herauszubringen. Er war der Erstling unter den Kinderkrimis und hat ebenbürtige Nachfolger nur in Schweden, England und allenfalls Frankreich gefunden. Wir wissen nicht, weshalb die Jury für den deutschen Jugendbuchpreis — trotz wiederholten Abänderungen ihrer Statuten und häufigen Hinweisen in der Presse — bisher keinen Modus gefunden hat, das Werk einer Weltberühmtheit auszuzeichnen, deren wichtigste Bücher in 24 Sprachen übersetzt sind. Nun mußte sich diese Jury vom Ausland beschämen lassen. Am 28. September dieses Jahres wurde (auf Vorschlag von zehn Ländern) vom Kuratorium für das Internationale Jugendbuch in Luxemburg Erich Kästner die Hans Christian Andersen Medaille verliehen: für das Buch „Als ich ein kleiner Junge war" und für das Gesamtwerk. Vor ihm wurde diese Ehrung Eleanor Farjeon (Großbritannien) und Astrid Lindgren (Skandinavien) zuteil. In „Kästner über Kästner" hieß es: „Als ich ihn einmal fragte, warum er neben seinen bitterbösen Satiren Bücher für kleine Jungen und der Klemme helfen kann.
Die Attacken, sagte er, die er mit seinem als Lanze eingelegten Bleistift gegen die Unbelehrbarkeit der Köpfe ritte, strengten sein Gemüt derartig an, daß er hinterdrein, wenn die Rosinante wieder im Stall stünde und ihren Hafer fräße, jedesmal das unausrottbare Bedürfnis verspüre, Kindern Geschichten zu erzählen. Das täte Ihm über alle Maßenwohl.
Denn Kinder, das glaube und wisse er, seien dem Guten noch nahe wie Stubennachbarn, man müsse sie nur lehren, die Tür behutsam aufzuklinken.
und, als er immer wieder von gut und böse, von dumm und vernünftig, von erziehen und von unverbesserlich daherredete, ging, mir ein Licht a u f er ist gar kein Schöngeist, sondern ein Schulmeister!"
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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