Ich knipse für die Erinnerung

Vor vier Jahren und zwei Wochen haben wir unseren Photoapparat — kurz: den „Apparat", nicht die „Kamera" — erworben, weil wir ein Kind gekriegt hatten, das uns so hübsch, so originell, so eigentümlich, so besonders erschien, daß wir unsere Erinnerung an solches Erleben mit Bildern zu unterstützen fest entsdilossen waren. Wir taten es. Wir taten es mit solcher Hingabe, daßSchachteln und Alben den Schatz nicht mehr zu bergen vermochten. Eines Tages haben wir sortiert, „ausrangiert". Ein großer Teil unserer lichtbildnerischen Produktion verschwand (auch wenn ich sicher bin, daß meine Frau sie in irgendeiner schwer entdeckbaren Ecke unseres Mobilars hütet).

Alsdann: Ich bin ein Amateur, ein artiger Dilettant, und ich will es sein, auch wenn ein paar Neunmalkluge mit der Arroganz der Perfekten zu lästern anheben und mein eifriges Tun mit einer leicht deutbaren Grimasse belächeln. Vielleicht glauben sie nicht, daß mich die bare Freude am Tun und seinem Ergebnis beflügeln? Niemand nimmt mich ernst — nur ich selbst tue es. Ich knipse ziemlich alles, was mir vor die Linse komme — sagen jene, die über mich die Nase rümpfen. Habe ich je soviel von der Welt gesehen, so viele Eindrücke verdauen müssen wie heute? „Ich möchte die ganze Welt umarmen" — dieser Jubelschrei reisender, wandernder Dichter zu allen Zeiten bewegt auch mich — mir: Ich kann sie wirklich erleben und sogar festhalten. Nicht mit dem Zeichenstift; ich drücke sie mit dem Zeigefinger in meinen Kasten.

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Ich freue midi übef alles, wozu ich eine persönliche Beziehung verspüre. Das sind Feiern im Familienkreis, sind meine spielenden Kinder, sind die Pyramiden und die Peterskirche, weil sie so gewaltig sind, das ist ein schöner Sonnenuntergang am Meer — wer freute sich darüber nicht? Ich möchte mich nicht nur in den drei Wochen meines Urlaubs über die Welt, nicht nurljei Festlichkeiten über das Festliche freuen können. Wenn der Alltag wieder grau ist bei der täglichen Arbeit, dann gibt mir ein Photo die schöne Erinnerung: ja, es war wunderschön; ja, deine Kinder waren wirklich als Babies so engelsniedlich.

Die mich Sonntagsknipser schimpfen, weil idi Tante Agathe nicht hinterrücks schnappschieße, wenn sie beim Kuchenessen gerade den Mund so unverschämt aufreißt — bekämen die bei einem solchen Photo ihrer eigenen Tante nicht ein falsches Bild von ihr, einst, wenn sie die Tante nur noch auf einem Photo sehen können? Es ist doch so: Auf einem Bild von Tante Agathe will ich einst sehen können: Ihr linkes Ohr stand etwas ab, auf der rechten Wange hatte sie einen Leberfleck, und sie war wirklich immer genauso nett zu mir, wie sie mir hier auch in die Kamera lächelte. Ja, so war Tante Agathe.

Die Meister der Photographie? Ich bewundere sie, und ich kann stundenlang in ihren Bildern lesen. Ich staune über ihre Fertigkeiten in der Dunkelkammer, ich lasse mich überrasdien von den Bildern, deren Gegenstände auch die meinen waren und die doch ganz anders sind. Die Meister sehen vielleicht mehr, gewiß aber anders als idi; sie abstrahieren die Wirklichkeit, die ich nur konterfeie, zur Erinnerung. Denn Kunstwerke zu schaffen, maße ich mir nicht an. Und dann übertrumpfen mich jene Meister, indem sie riesige Abzüge herstellen. Für mich sind sie viel zu teuer, und außerdem passen sie nicht ins Album. Ich knipse, weil es mir Spaß macht. Ich knipse nur für mich.

 
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