Ich-Verdoppelung per Kamera

Jener Mensch, der tief über eine spiegelnde Pfütze gebeugt zum erstenmal sahdaß er sich selbst anguckte, muß sehr gestaunt haben. Er wurde mit diesem Erlebnis zum Urahn aller Photographen. Die Väter nahmen noch den Spiegel, die Photographen nehmen inzwischen die Kamera, um sich selbst zu betrachten. Nun fährt Onkel August sinnvoll in die Ferien: Eine Ansichtskarte vom Corner See befriedigt nicht, wohl aber verspricht ein Bild seelische Lust, auf dem er im Vordergrund des Corner Sees posiert, während am anderen Ufer die Prunkvüla Carlotta dekorativ die PenönlichkeitsJiebung ermöglicht. Wie das? Weil Onkel Augusts Unterbewußtsein leise mitschwingt und bei der häuslichen Nachbetrachtung der Bilder flüstert: Ich und die Villa passen doch ganz gut zusammen, nicht?" —und schon wenig später: „Ich und die Villa sind eins". Onkel August ist somit photographischer Viilenbesitzer geworden, man nennt das Identifikation oder Selbsthebung unter den Psychologen. So alt wie das Urerlebnis jenes Pfützenspiegiers ist auch der Verdacht, im photographischen Gegenüber stecke mehr als nur ein plattes Büd. Woher kommt sonst die Angst, die wir früher empfanden, wenn die Augen des Bildkopfes immer mitwanderten, aus "welchem Winkel wir das Ungetüm auch betrachteten? Und warum zerreißen enttäuschte Liebende das Bild ihres Partners? Dies ist ein zivilisatorisches Pendant zu den Symbolmorden primitiver Stämme, wenn dort Eingeborene ein PUJJpenbild ihres Feindes zerstören. Auch der photo- graphiertc Gegner wird ermordet, und rudimentäre Urgelüste sind die unsichtbaren Spielgefährten solcher Affekthandlungen.

Neben der Möchtegern Villa von Onkel August fasziniert ihn unbewußt noch eine andere Möglichkeit der Photographie: die Ich Verdoppelung. Jeder Mensch hat das Bedürfnis, über sich hinaus zu sein: Ägypter bauten Pyramiden, Beethoven lebt in seinen Werken weiter, weniger geniale Menschen haben immerhin Nachkommen, der Amateurphotograph hat wenigstens ein Selbstporträt. Der Apparat zur potentiellen Verewigung, der Pbotoapparat, ist eine Ersatzgeburtsrnäschine geworden. In der Tat, statt Kindern, die später doch ihre eigenen Wege gehen, kann man hier sich selbst gebären, hundertfach. Sigmund Freuds Libido Urtrieb ist in verwandelter Form gegen das eigene Objekt gerichtet: platonische Homosexualität.

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Der Photoapparat ermöglicht etwa, was durch die Quantität der Reize fast unmöglich geworden ist: mit fremden Dingen bekannt zu werden. Viele Touristen fühlen sich unwohl, wenn sie am Ausflugsziel nicht knipsen können. Etwas fehlt dann. Es fehlt der persönliche und bleibende Bezug zum Objekt; man möchte etwas dazutun, man möchte ein Bild machen. Mit diesem Bild hat man in einem bescheidenen schöpferischen Vorgang Teil an der Schönheit des Gesehenen. Erst dann ist das Objekt er faßt, und der Betrachter ist nicht nur mehr Zaungast der Herrlichkeit.

Die Möglichkeit, schöpferisch zu sein in der verwalteten Welt — und die Möglichkeit, die neugierige Phantasie nach Bildmotiven suchen zu lassen, ist die goldene Kehrseite jener Kollektivmode der Amateurphotögraphie. Sie zwingt auch die trägen Bürger, fast im Vorbeigehen mit Hilfe eines technischen Mediums menschlich schöpferische Spurenelemente zu pflegen. Jürgen Zimmer

 
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