Kleiner Mann im "kleinen" Weltkrieg
Heinz Rühmann als „Der brave Soldat Schwejk" — Tragische Figur von großer Lustigkeit
Über den Ambesser Film „Der brave Soldat mieden worden, aus Haseks Schwejk ein „ganz primitives pazifistisches Propagandastück" zu machen (Willy Haas, „Die Welt"). Ein Propagandastück, nun, das wäre allerdings auch fatal gewesen. Die Figur Schwejk hätte nicht nur etwas, sie hätte gleich jeden literarischen und künstlerischen Rang eingebüßt, wenn sie wie eine plakatierte Gebrauchsanweisung der Menschlichkeit ausgesehen hätte. Schwejk ist eine tragische Figur von großer Lustigkeit — doch ohne Possenreißerei. Die Lustigkeil verhindert, daß sein Lebensmißmut ihn in die Tiefe zieht. Die Tragik ist hier der Zustand zwischen den Mühlsteinen soziologischer Forderungen, die er nicht erfüllen kann. Er ist zu gut und zu wach, um sich allgemein legalisierten Gemeinheiten (zum Beispiel: Schieß auf deinen Nächsten!) zu fügen. Aber er ist bei aller Pfiffigkeit völlig unfähig, sein besseres Gefühl etwa methodisch zur Geltung zu bringen.
Das wird im Ambesserfilm deutlich. Mir scheint dabei auch wichtig, daß nicht nur das weltanschauliche Plakat und die Militärklamotte gemieden wurden, sondern auch das Rührstück. Da ist keine ethische These, die etwa im Heilsarmeestil vorgetragen würde. Der Film hat vieles Axel von Ambesser zu verdanken, der auch einmal ein Stück „Das Abgründige in Herrn Gerstenberg" schrieb, und Heinz Rühmann, der nicht nur „Komiker" ist, sondern (im Theater) zum Beispiel auch in „Warten auf Godot" (von Samuel Beckett) gespielt hat. Bei Ambesser verwackeln allerdings zuweilen die Akzente. Dafür nur ein Beispiel, das schmerzlichste. An der Ostfront begegnet Schwejk, der seinen Oberleutnant ratlos sterben sah, in einem sommerlichen Feld einem russischen Soldaten. Beide werfen ihre Flinten ins Korn und schließen Frieden, nach dem spontanen Diktat ihres Herzens. Dann wechseln sie (wohl nach dem Vorbilde von Käutners „Gans von Sedan") ihre Uniformen, Schwejk bekommt die russische, der Russe die deutsche. Nun, das hätte doch der Höhepunkt einer Satire gegen aufgeschwemmtes nationalistisches Pathos werden können. Aber die Szene gerät in den Sog des Ulks, und das Pulver der Tragikomödie ist verschossen: hier hat der Regisseur die Flinte ins Korn geworfen (das Drehbuch schrieb Hans wöhnlich ist, für seinen Film einen Stil gesucht. Freilich setzt sein Formprinzip sich nicht, gleichmäßig durch. Der Inszenator arbeitet häufig mit alten und auch seltenen Archivaufnahmen, zum Beispiel aus dem Ersten („kleinen") Weltkrieg. Diese eingeblendeten und im Text pointierten Aufnahmen sind bestimmt, geistige Distanz zu schaffen. In andere Szenen wird man wiederum unmittelbar hineingezogen. Dadurch entsteht nicht immer ein doppelter geistiger Boden, sondern zuweilen Unsicherheit. Es ist, als wolle Ambesser episches und dramatisches Theater zugleich spielen. Auch dort, wo er durch die Umstände zu derbem Ulk animiert wird (zum Beispiel in Szenen in der Irrenanstalt), hält er Maß. Er stemmt sich gegen die Zentrifugalkraft der Albernheiten und billigen Effekte. Die Figur bleibt dicht und kernig. Das Milieu ist zumeist vortrefflich gezeichnet, und die Darsteller (Ernst Stankovski, Ursula Borsodi, Moden den „Stil" der Haltung. Richard Angst, der aus Zürich stammende Kameramann, wußte was die Photographie dem Film schuldig ist. Ei setzte Bewegungsakzente von starkem Ausdruck (zum Beispiel Schwejk auf dem Wege nach Budweis Das riecht schon ein bißchen nach Öde und Verlorenheit).
Übrigens: Was ich an Plakaten zu diesem Filnr. sah, ist scheußlich — als handle es sich um Kasernenulk und sacharinsüßen, Eros. Der Film ist besals der Ruf, den seine Propagandisten ihre ser sichern wollen.
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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